Trump, eine grandiose Analyse. Geschrieben 1948

Die Wahl von Trump war neben der Brexit-Abstimmung meine größte Fehleinschätzung, die mich heute noch quält.

Ich war felsenfest der Überzeugung, so jemand könne niemals Präsident der USA werden.

Seitdem lese ich sehr viel, um zu verstehen, was da passiert ist.

Und jetzt ein „Wow“, wenn ich das als 57-jähriger so formulieren darf.

Der mir Abstand beste Text zum Verständnis Trumps, und mit Abstrichen auch: eine hervorragende Erklärung der FPÖ, der AfD, Salvinis, etc.

Ein Text, geschrieben 1948.

Von Leo Löwenthal, einem von den Nazis in die USA geflohenen Deutschen.

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Löwenthal war, was ich nicht wußte, auch Mitbegründer der Frankfurter Schule.

Kristallklares Denken, ebenso klare Sprache.

Löwenthal analyisiert amerikanische faschistische Agitatoren. Ihre Strategien, ihre Rgetorik, die Faszination, die sie ausüben.

Schon dieser Gedanke Löwenthals ist bestechend:

Er bezeichnet die Strategie dieser Agitatoren als „umgekehrte Psychoanalyse“.

Denn:

Ein guter Psychoanalytiker macht sich selbst überflüssig, indem er seine Patienten lehrt, sich aus neurotischen Verstrickungen und Ängsten zu lösen und somit Autonomie zu gewinnen. Der Agitator macht das Gegenteil. Er verstärkt die unbewussten Ängste und neurotischen Zwänge seines Publikums, um es so an sich zu binden. Denn die Unmündigkeit der Klientel ist sein Kapital.

Löwenthal unterscheidet den Reformer und den Revolutionär auf der einen, den Agitator auf der anderen Seite.

Während erstere auf unterschiedliche Weise die negativen Umstände („Malaise“ nennt es Löwenthal) beseitigen wollen, nährt sich der Agitator bloß davon.

„Unter dem Deckmantel des Protests gegen diese bedrückende Erfahrung verstrickt er (der Agitator) sein Publikum noch stärker darin. Da sein Scheinprotest niemals eine wirkliche Lösung anstrebt, besteht sein Verführungsakt letztlich darin , seinen Anhängern den Ausweg aus einem Zustand ständiger Unterdrückung in Form irrationaler Ausbrüche anzubieten. Die Malaise wird nicht vom Agitator geschaffen, jedoch verschlimmert und fixiert er sie, indem er den Weg zu ihrer Überwindung blockiert.“

Lesenswert auch diese Passage:

„Soziale Malaise kann mit einer Hautkrankheit verglichen werden. Der daran leidende Patient hat das instinktive Bedürfnis, sich zu kratzen.

Folgt er dem Rat eines erfahrenen Arztes, wird er diesem Bedürfnis nicht nachgeben und stattdessen versuchen, die Ursache des Juckreizes durch Heilmittel zu beseitigen. Gibt er jedoch seinem instinktiven Kratzbedürfnis nach, wird der Juckreiz sich nur noch steigern. Dieser irrationale Akt der Selbstverstümmelung wird ihm zwar eine gewisse Erleichterung verschaffen, verstärkt aber gleichzeitig sein Bedürfnis zu kratzen und verhindert eine erfolgreiche Heilung seiner Krankheit.

Der Agitator rät zum Kratzen.“

Sein kurzes Schlußkapitel hier ungekürzt.

Entkleidet man „die Erzählung“ des Agitators der vielfältigen rhetorischen Tricks und reduziert sie auf den Kern, was er meint und anspricht, dann müßte es, nach Löwenthal so lauten:

Was der Agitator meint:

„Meine Freunde, wir leben in einer Welt der Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Wer immer glaubt, daß dieser Zustand sich je ändern wird, je geändert werden könnte, ist ein Narr oder Lügner. Unterdrückung und Ungerechtigkeit sind – wie Krieg und Hungersnot – die Begleiterscheinungen der menschlichen Existenz. Idealisten, die dies leugnen, belügen sich selbst – schlimmer noch: sie führen euch an der Nase herum. In Gesten humaner Brüderlichkeit zu schwelgen, ist nur ein Köder für Einfaltspinsel und Dummköpfe, die sich dadurch von ihrem rechtmäßigen Anteil an der heutzutage vorhandenen Beute abhalten lassen. Sagt euch nicht eure eigene Erfahrung, daß ihr für euren Idealismus immer habt zahlen müssen? Seid praktisch Die Welt ist die Arena eines erbarmungslosen Überlebenskampfes. Warum solltet ihr nicht auf der Seite derer sein, die profitieren?
Anstatt mit den Unterdrückten und Leidenden gemeinsame Sache zu machen, schließt euch mir an. Ich verspreche euch weder Frieden noch Sicherheit, noch Glück. Ich erzähle euch nichts von Individualität – was immer das Wort bedeuten mag. Ich verachte solche Schlagworte, wenn ich sie auch gelegentlich, wenn’s paßt, selbst verwende.
Wenn ihr euch mir anschließt, verbündet ihr euch mit Kraft, Stärke und Macht – den Waffen, die am Ende alle Streitigkeiten entscheiden. Ich biete euch Prügelknaben an – Juden, Radikale, Plutokraten und sonstige Kreaturen, die unsere Fantasie erfinden kann. Ihr könnt sie beschimpfen und schließlich verfolgen. Worin besteht der Unterschied? Es ist ja gleichgültig. Es kommt ja nicht darauf an, daß sie eure wahren Feinde sind, solange ihr sie ausplündern und eure Wut an ihnen auslassen könnt.
Ich biete euch nicht eine Utopie, sondern einen realistischen Kampf um den Knochen im Maul des anderen Hundes; das ist unser Programm. Nicht Frieden, sondern ständiger Kampf ums Überleben. Nicht Überfluß, aber den Löwenanteil. Könnt ihr, wenn ihr realistisch seid, mehr erwarten?
Um das zu erreichen müßt ihr mir folgen. Wir wollen eine Bewegung des Schreckens organisieren. Wir werden uns mit den Mächtigen verbünden, um einen Teil ihrer Privilegien zu gewinnen. Anstatt Gefangene werden wir Polizisten sein. Und ich bin euer Führer. Ich werde für euch denken und euch sagen, was zu tun ist. In meiner Führerrolle werde ich euch euer Leben vorleben, und ich werde euer Beschützer sein. In der Hölle meiner Erbarmungslosigkeit winkt euch ein trautes Heim.“

142 Seiten hat Löwenthals grandioser Text „Falsche Propheten“

Unbedingte Leseempfehlung.