Die USA spionieren in einem System, das sie selbst gebaut haben und das ihnen praktisch zur Gänze gehört

Um mich nicht mit fremden Federn zu schmücken:
Nachfolgende Gedanken stammen von einem sehr guten Freund.
Sie sind es m.E. wert, breiter diskutiert zu werden:

Der Abhörskandal zeigt neben vielen anderen Dingen auch ein gewaltiges infrastrukturelles Problem auf: Europa hat zugelassen, dass die gesamte heutige Computer- und Internet-Infrastruktur und alle wesentlichen Services und Programme in amerikanischer Hand sind. Auf unseren Schreibtischen stehen amerikanische Computer, diese werden von einem der beiden amerikanischen Betriebssysteme betrieben, öffnen amerikanische Programme, suchen im amerikanischen Index des Internets und schicken ihre Daten über amerikanische Router durch amerikanische Server… Das ist bei uns zu Hause und im Büro so, aber auch in allen Firmen und auch in den Büros unserer Politiker. Sogar in Angela Merkels Büro stehen amerikanische PCs. Wäre es umgekehrt vorstellbar, dass Barack Obama das Weiße Haus mit europäischen Handies oder Computern ausstattet (wenn es denn welche gäbe)?

Würden wir akzeptieren, dass es in Europa nur mehr amerikanische Autos gibt und z.B. in Wien nur mehr amerikanische Baufirmen die Straßen bauen und von uns allen die Maut kassieren dürfen? Warum akzeptieren wir das eigentlich bei der wichtigsten infrastrukturellen Einrichtung der Gegenwart, dem Internet, und wundern uns dann auch noch, dass diese plötzlich keine „Europäischen Werte“ enthält?

Europa hat in den 1960er Jahren beschlossen, dass es nicht sein kann, dass Passagiere nur mit amerikanischen Flugzeugen transportiert werden können. Heraus kam Airbus. Europa wollte auch nicht länger von amerikanischen GPS abhängig sein, heraus kam – gegen den Willen der USA – das Projekt Galileo, das ab 2014 eine noch genauere Ortung als das mittlerweile veraltete GPS zulassen wird. Europa könnte in einem ähnlich visionären Schritt eine neue Computer- und Internet-Infrastruktur entwickeln, natürlich noch viel besser, als wir es uns heute vorstellen können. Und vielleicht auch gleich in einer Weise, die es erlaubt, gegen Kriminalität vorgehen zu können, ohne europäische Werte und demokratischen Grundsätze mit Füßen zu treten. Ein solches Projekt wäre ein gigantischer Wirtschaftsimpuls für Europa, das know how ist entweder vorhanden oder entwickelbar – Europa baut ja auch einen Large Hadron Collider – und ein gewaltiger Markt ist sowieso gegeben.

Es ist nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen, sondern auch politisch überlebensnotwendig, denn freies Denken, Computer und Internet haben mehr miteinander zu tun, als die meisten vor dem Prism-Skandal vermuteten.

Und, ja: es mag schon sein, dass nicht nur die Amerikaner im Internet spionieren, sondern auch die Franzosen und Engländer, aber die Amerikaner haben dabei einen gewaltigen Wettbewerbsvorteil: sie spionieren in einem System, das sie so sehr selbst gebaut haben, dass es ihnen praktisch zur Gänze gehört. Und dabei saugen sie nicht nur Daten, sondern auch gewaltige Summen von den Konsumenten aus Europa ab, ohne dass sie hier bisher durch besonders hohe Steuerzahlungen aufgefallen wären.

Ein Large-Hadron-Collider-Airbus-Galileo-Internet-Projekt ist groß. Das können nicht die Grünen, das kann auch nicht Österreich. Aber Europa könnte es können – genau jenes Europa, das viele arbeitslose Jugendliche hat und von dem es immer heißt, dass ihm ein Projekt fehlt.

9 Gedanken zu “Die USA spionieren in einem System, das sie selbst gebaut haben und das ihnen praktisch zur Gänze gehört

  1. Gnhihihi Ich hatte bis vor kurzem noch ein in Finnland wenigstens zusammengeschraubts Handy, auf dem ein europäisches Betriebssystem lief. Außer mir wollte das aber scheinbar niemand kaufen.
    (Beim Betriebssystem bin ich geblieben)

    Auch aus Ungarn gabs schöne Smartphones, inzwischen sind aber alle fabriken in Europa zugesperrt und auch Fairfone und co laufen mit amerikanischer Software.

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  2. Prinzipiell hast Du recht, Du vermischt aber ein paar Sachen, die nicht zusammen gehören. Außer für Apple System ist Hardware irrelevant, weil ersetzbar und massen erzeugbar. Die meiste Hardware kommt ohnehin aus China und Taiwan, US-Konzeren sind hier nur gut geölte Marketing Maschinen.

    Das Internet selbst, ist auf grund seiner Dezentralität ebenfalls kein Problem.

    Viel dramatischer sieht die Lage auf dem Betriebssystemmarkt. Linux kommt zwar aus Europa, kann sich aber am Destop kaum durchsetzen. Die Grünen könnten da schon mal einen Schritt setzen und Linux dort wo in der Landesregierung sitzen fördern.

    Noch dramatischer wird es, wenn wir in die „Cloud“ schauen. Im Low lever Bereich dominiert Amazon, sehr viele europäische Unternehmen lagern dorthin ihre Infrastruktur aus (wir auch). Es gibt keine ernstzunehmende europäische Suchmaschine, kein soziales Netzwerk und selbst große weltweit agierende Email-Hoster fehlen in Europa. Das liegt sicher am nicht so homogenen europäischen Markt aber auch daran, dann man Europa eben lieber noch eine Autobahn oder einen Tunnel baut, wenn man wieder eine Krise ist.

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  3. „Praktisch zur Gänze gehört der USA das Internet/digitale System“ – Aha „Die USA spionieren in einem System, das sie selbst gebaut haben und das ihnen praktisch zur Gänze gehört „!?

    Praktisch zur Gänze?????

    – Also gehören alle Webseiten und jegliche Software der Welt und deren Inhalte laut Ihrem Verständnis somit den USA!??
    – dem Staat USA.
    – nicht manchen Firmen dort.
    Aha.
    Auch nicht Firmen, Privatpersonen anderer Länderherkunft –
    diese können also keine Software, Webinhalte, digitale und Hardwaresysteme etc herstellen/hergestellt haben.

    Es gehört auch nicht jedes Auto mit samt jeglichen Inhalt der Asfinag oder der öffentlichen Hand in Österreich, nur weil viele Autos, Straßen in Österreich benutzen (wäre der Kabel und Routenvergleich) – auch darf nicht der Staat Deutschland mittels seinen Beamten wegen den deutschen Firmen BMW, Audi und Co einfach so in jede (!) Garage der Welt spazieren, „weil den Deutschen viele Autos „gehören““. Diese „gehören“ dann nicht mehr Audi und Co. (Firmen – nicht Staat), sondern deren (Autos) Eigentümern in Form von Firmen und Privatpersonen.
    Bitte Eigentumsverhältnisse im Blogartikel von Ihnen näher durchdenken.

    Immer sachlich bleiben.

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    • Snowden’s Leaks Mit „gehört der USA“ ist wohl die US Regierung gemeint,
      die – wie wir seit Snowden wissen – über Schnittstellen zur Software der größten Computerkonzerne der USA verfügen, um sämtliche private Kommunikation auf den Datenzentren der NSA zu speichern. Wir sprechen hier von einer Verschmelzung zwischen privaten Konzernriesen und dem Regierungsapparat. Mussolini nannte das Faschismus.

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  4. Ob das so viel besser ist? Für mich klingt das nach einer Anleitung, wie Europa die Überwachung selbst organisieren kann. Ich hab nicht den Hauch eines Gefühls, dass die europäische Spitzenpolitik die Überwachung reduzieren will.

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    • Wenn man sich VdS ansieht, ist die Überwachung Europas schon Realität offiziell wird man natürlich nicht überwacht,
      aber eigentlich kann die Polizei ohne Gerichtsbeschluss in Österreich bereits Handys abhören (natürlich muss es einen Anlassfall geben, aber der lässt sich auch konstruieren).

      und die private Überwachung geht auch munter weiter: Kameras im Eingangsbereich, Kameras bei der Sprechanlage, Kameras auf Gehsteigen, usw.
      Es ist also nur eine Frage der Zeit bis diese Systeme vernetzt werden und Europa diese Daten dann auch über Vds 6 Monate aufhebt.

      Europa macht gute Fortschritte selbst einen totalen Überwachungsstaat zu kreiren.

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  5. Ein System das es erlaubt gegen Kriminalität vorzugehen, heißt Überwachung, Bespitzelung, usw. Damit wäre Europa um nichts besser als die USA „Europa könnte in einem ähnlich visionären Schritt eine neue Computer- und Internet-Infrastruktur entwickeln, natürlich noch viel besser, als wir es uns heute vorstellen können. Und vielleicht auch gleich in einer Weise, die es erlaubt, gegen Kriminalität vorgehen zu können, ohne europäische Werte und demokratischen Grundsätze mit Füßen zu treten.“

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  6. „Es ist eine Peinlichkeit für einen Rechtsstaat wie unseren, dass Snowden jetzt offenbar bei Putin Schutz suchen muss.“

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