Bin ich ein „Sexualpopulist“?

ich wurde in meine Karriere ja schon vieles geheissen.
Aber Sexualpopulist noch nie.
Bis gestern.
Und das kam so (Achtung längere Geschichte)
Ort: Burg Schlaining
Ich bin zur heurigen Sommerakademie eingeladen.
Thema: Umbruch in der arabischen Welt
Mir war auf dem Podium der Part zugedacht, wirtschaftliche Hintergründe zu beleuchten.
Gemeinsam mit Michael Cerveny (wir kamen erst nach der Einladung drauf, dass wir am selben Podium sitzen, und haben ein gemeinsames Referat gehalten) vertraten wir (hier jetzt verkürzt wiedergegeben) folgende These.

Die Umbrüche in der arabischen Welt haben auch eine Ursache in ihrer dramatisch sich zuspitzenden wirtschaftlichen Lage bedingt durch
1.) sinkende Ölexporterlöse
2.) deutlich steigende Einwohnerzahlen

Wir verdeutlichten das mit diesen Bildern:


(vergrössern? anklicken!)

auf obiger Folie sieht man:
In Agypten war „peak oil“ 1993
Seitdem geht die Ölförderung zurück.(grau)
Zusätzlich wird, auch wegen der steigenden Bevölkerung ein immer grösserer Anteil des Öls im Inland verbraucht.
So sind innerhalb sehr kurzer Zeit die Ölexporte (oben grün) auf 0 zurückgegangen. Ab jetzt wird Ägypten Öl importieren müssen.
Dieses Geld zu verdienen, wird schwer sein, und den Aufbau einer gänzlich neuen Wirtschaftsstruktur bedürfen.

Dann illustrierten wir die Bevölkerungsentwicklung in Ägypten (wo 95% der Fläche Wüste ist)
Innerhalb von weniger als 90 Jahren von 20 Mio auf 110 Millionen !

Gleichzeitig wiesen wir darauf hin, dass (zum Glück) auch in Ägypten innerhalb der letzten 20 Jahre ein gewaltiger demografischer Wandel stattgefunden hat, und Frauen jetzt deutlich später und deutlich weniger Kinder bekommen.

Trotzdem werden sich unserer Meinung nach in den nächsten Jahren die Probleme verschärfen.
Wir wiesen auch auf folgende nicht länger finanzierbare Tatsache hin.
Länder wie Ägypten subventionieren signifikant aus öffentlichen Mitteln Benzin.

In Ägypten, schreibt der britische economist in einem bemerkenswerten Artikel wird 8% (!) des BIP dafür verwendet. 4 mal so viel, wie für Nahrungsmittelsubventionen.

Schliesslich plädierten wir dafür, diese sonnenreichen Staaten massiv zu unterstützen, in die Solarenerergie einzusteigen.
Aber das ist hier nicht mein Thema.
Sondern:
In der darauf stattfindenden Diskussion wurde ich heftig kritisiert.
Wie könne ich so über Bevölkerungsentwicklung reden?
Das sei Biopolitik, rassistisch, und überhaupt, mir als Mann stehe es nicht zu …

Manchmal platzt mir der Kragen, da teil ich dann ordentlich aus, und in diesem Fall war es so. Ich konterte sowohl in der Sache, aber zugegeben auch polemisch.
„Warum ist es in gewissen Milieus ein Tabu, stark wachsende Einwohnerzahlen zu thematisieren?
Irgendwie erinnert mich das an die katholische Kirche.
Genauso wie man dort öffentlich nicht über Sex reden darf, scheint es hier verboten, Bevölkerungsfragen zu anzusprechen.Wer das rassistisch nennt, ha keine Ahnung was Rassismus ist“
Worauf mich der Diskussionsleiter glatt zum „Sexualpopulisten“ beförderte.
Daraufhin haben wir alle herzlich gelacht.
Warum ich das hier schreibe?
Weil es mir wichtig ist.

Stark steigende Bevölkerungszahlen sind auch eine Krisenursache.
Nicht zuletzt in der globalen Nachhaltigkeitsdebatte.
Warum soll man darüber nicht reden dürfen?

18 Gedanken zu “Bin ich ein „Sexualpopulist“?

  1. wtf.

    die kritik, wie sie in der diskussion geäußert wurde, ist wohl in der rubrik „wirrkopf“ zu verorten. da kann man nur den kopf schütteln und sprache und gedanken für wichtigeres sparen.

    aber warum ich poste: die auszüge aus dem vortrag sind exzellent! mir war der demographische und wirtschaftliche hintergrund des arabischen frühlings bislang nicht mal schemenhaft bekannt. großartige bereicherung der debatte.

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  2. 🙂 „Sexualpopulist“ hat immerhin hervorragende Titeleigenschaften – und hat zumindest bei mir einen Klickreflex ausgelöst, als ich Deine „Headline“ auf Facebook gelesen habe.

    Gut so, denn die Infos in Deinem Beitrag finde ich auch sehr interessant, genau wie Dyrnberg. Die finde ich sogar so interessant, dass die Frage „Sexualpopulist – wie kommt man ausgerechnet bei Dir auf sowas?“ von wesentlich relevanteren Inhalten sofort komplett verdrängt wurde.

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  3. wieso „rassistisch“? Ich verstehe noch immer nicht genau, warum man Dir in einem solchen Fall „Rassismus“ vorwerfen kann?

    Einfach nur wirr.

    Überhaupt empfinde ich die manchmal doch stark übertriebenen Denk-, und Sprechverbote, die in progressiven Kreisen leider öfter vorherrschen sehr kontraproduktiv.

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    • Rassismus Wie das Argument zustandekommt, kann ich mir schon erklären. Die wollten ihm halt unterstellen, dass er er der Meinung sei, die bösen Ausländer sollen sich nicht vermehren, weils Ausländer sind.

      Wenn ich schon lese „mir als Mann stehe es nicht zu“, dann kann ich mir schon vorstellen, was für eine Policital-Correctness-Hölle das dort gewesen sein muss. Hast du, cc, diese Dame (ich nehm mal an, es war eine) auf den Grund für ihren offen zu Schau getragenen Sexismus angesprochen?

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  4. Wenig überraschend: Peak-Oil – Ursache für eh alles.

    Interessant waren sicher auch die Argumente des Klimaforschers, der den Umbruch in der arabischen Welt auf das Abschmelzen des Polareises zurückführt oder des Meeresbiologen, der nachweist, dass das Artensterben im Mittelmeer das Demokratiebedürfnis der arabischen Völker unheimlich stimuliert.

    Kurz: ich finde nicht, dass die Argumente aus der Peak-Oil-Perspektive dazu beitragen, die Ursachen für den Umbruch in der arabischen Welt zu erklären und der Versuch erscheint mir als etwas krampfhaft.

    Die Wortschöpfung „Sexualpopulist“ ist ebenso jenseitig wie Tabuisierung der Bevölkerungsnetwicklung – da lohnt es sich nicht darüber weiter zu diskutieren.

    P.S. „Denk-, und Sprechverbote, die in progressiven Kreisen“ contradictio per se…

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    • Tja das globale Bevölkerungswachstum ist der sogenannte „Elephant in the room“ und es zeigt auch schön wie die geradezu religiöse Political Correctness blind macht vor der Realität.

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    • utility, im Gegensatz zu anderen globalen Problemen ist das Bevölkerungswachstum wenigstens trendmässig auf dem richtigen Weg, soll heißen Stabilisierung. Der schwerere Elefant ist der Anspruch ebendieser Bevölkerung auf demselben Energieverbrauchs- und Wohlstandsniveau wie wir zu leben.

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    • Na klar, die stabilisiert sich… Bei uns vielleicht. Im Nahen Osten ist davon keine Spur. Saudi Arabien hatte (Quelle auch Gapminder) in den 70ern ca. so viele Einwohner wie Österreich. Heute sinds 4x so viele. In einem Land, in dems fast nur Wüste gibt. Schon allein fürs Wasser entsalzen muss dort extrem viel Energie aufgewendet werden. Die ver(sch)wenden dort übrigens sehr viel mehr Energie pro Person als die Österreicher.

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    • @One Brick:
      Inhaltliche Kritik an CCs Argumentation sucht man in deinem Kommentar vergebens.

      Mubarak wollte letztes Jahr die finanziell unhaltbaren Subventionen absenken. Als es die ersten Proteste gab, machte er einen Rückzieher. Für ihn war es aber zu spät und die „Reformer“, oder wer da auch immer jetzt an die Macht kommen wird, werden sich um das Thema nicht herum drücken können.

      Evo Morales wäre diesen Winter um ein Haar aufgrund der gleichen Dynamik abmontiert worden. Auch in Bolivien gibt es Subventionen und Preiskontrollen. Die Anhebung des Ölpreises von 27$ auf 58$ (Weltmarkt: ~100$) nahm er gleich wieder zurück und konnte so noch seine Haut retten, jedenfalls bis auf weiteres.

      @jby
      „utility, im Gegensatz zu anderen globalen Problemen ist das Bevölkerungswachstum wenigstens trendmässig auf dem richtigen Weg, soll heißen Stabilisierung. Der schwerere Elefant ist der Anspruch ebendieser Bevölkerung auf demselben Energieverbrauchs- und Wohlstandsniveau wie wir zu leben.“

      Die Fertilitätsraten stabilisieren sich, aber bis das Bevölkerungswachstum zum Erliegen kommt, braucht es noch Jahrzehnte.

      Der Anspruch auf höheren Energiekonsum ist überall hoch. Relevant ist nur, ob man sich diesen Anspruch leisten kann, oder gar noch zurückstecken wird müssen. Die Chinesen können es sich zunehmend leisten und bieten die Preise hoch. Für andere wird die Lage dadurch prekärer.

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    • @dieter richtig, mein Punkt war kein inhaltlicher, also nicht die argumentengestützte Widerlegung der peak-Oil-These, sondern der Hinweis, dass das peak-oil-Argument schon derart beliebig ist, dass man damit offenbar schon alles erklären kann.

      Auf Wunsch nun zum Inhaltlichen:
      Den Vergleich Morales mit Ben Ali/Mubarak/Assad teile ich nicht unbedingt, auch sind die paar arabischen Staaten im großen Verein der Volkswirtschaften mit staatlichen Subventionen nichts Besonderes. Obendrein ist die Lage innerhalb der betroffenen Staaten unterschiedlich: das Benzin kostet in Syrien und Tunesien 2,5-3,5 Mal soviel wie in Ägypten. Wo ist da die Subvention deren dräuendes Ende das Volk auf die Barrikaden treibt?

      Schliesslich läuft der „Umbruch in der arabischen Welt“ ja auch unter dem Titel „Demokratiebewegung“ und nicht unter „Aufstand gegen teure Benzinpreise“.

      Vielleicht sollte man weniger das Augenmerk auf den aktuellen Mangel an irgendeiner gerade in der bashing-hitlist hippen Ressource richten, sondern vielmehr darauf, wie sich die Ansprüche von Gesellschaften an politische und damit ökonomische Rahmenbedingungen ändern, deren Wohlstand (Ernährung, Gesundheit, Bildung) in den letzten Jahrzehnten stetig und markant zugenommen hat.

      Daher bin ich nicht einverstanden, wenn cc die Bilderbuch-Story vom erwachenden Demokratiebedürfnis der arabischen Länder mit dem Satz abtut: „In Wirklichkeit ist denen nur das Benzin zu teuer geworden.“

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    • @One Brick:
      Ich postuliere keine monokausale Theorie. Monokausal ist die verbreitete Demokratie-Facebook-These, wonach die Araber angeblich von einem Tag auf den anderen drauf gekommen wären, dass Demokratie und Freiheit ganz nett wären.

      Preissteigerungen für Nahrungsmittel und Benzin werden subjektiv stärker wahrgenommen und können die Situation ärmerer Leute auch ganz objektiv massiv und unvorhergesehen verschlechtern.

      Aufstände sind per Definition populistisch und daher eher durch subjektive und persönliche Wahrnehmungen motiviert und nicht durch die offiziellen Zahlen und Trends der Weltbank.

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  5. Soziale Kälte? Zu der Diskussion, wo Sie dabei waren, will ich nichts sagen.

    Ich will nur generell sagen:

    Sehr geehrter Herr Chorherr!

    Immer wenn ich von Ihnen etwas über Soziales las, wirkten Sie auf mich kalt. Sie wirkten dabei so rational und resignierend. Mir fehlte immer die Betroffenheit gegenüber Armen.

    Ob Sie wirklich sozial kalt sind, weiß ich nicht. Sie wirkten auf mich nur immer sehr kühl, wenn sie über das Thema Armut schrieben.

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    • Ich verstehe jetzt nicht ganz, wo da die soziale Kälte zu finden ist?

      Für mich sieht das eher wie neutrale Betrachtung der Tatsachen aus. Was genau soll soziale Kälte denn eigentlich sein? Wäre es besser, Chorherr würde sich irrational verhalten? ಠ_ಠ

      Manchmal kann man echt nur den Kopf schütteln …

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  6. Der Zusammenhang mit dem Erdöl Peak kann nur punktuell (Ägypten) stimmen, das demographische Argument zieht sicher breiter. Dazu kommt, dass die stark dominierende junge (!) Bevölkerung durch die neuen Medien kollektive Macht erwerben konnte. Für mich ist die arabische Revolution eine „facebook“-Revolution – jung und digital. Nicht zu vergessen: Die neuen Medien wecken Bedürfnisse, können sie aber nicht decken – das spüre ich auch in meinen Klassen, das gibt viel Unzufriedenheit.

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  7. sehr interessant / weitere erschütternde Klarheit / danke 1. den Inhalt des Beitrags finde ich sehr gut aufbereitet, klar auf den Punkt und sehr interessant / bin auch Gapminder Fan
    2. die Begebenheit, die zu dem Eintrag geführt hat ist ja völlig jehnseitig, der Vergleich mit der katholischen Kirche erscheint treffend… …. Bevölkerungszahlen werden wohl zu den Themen unserer nachen Zukunft zählen, dass gerade Women Empowerment und Bildung Schlüssel dazu sind, würde wohl im Sinne der „Intervenierenden“ Teilnehmer auf der sommerakademie sein. …. skuril….

    ich denke nun immer mal wieder von Ihnen publiziertes zu lesen. Mich erschüttert immer wieder, dass so viele – auch akademisch hoch gebildete – Menschen im allesistsuperundwirdesauchimmerbleibenwirhabenkeinenhandlungsbedarfundwirklichanschauenmüssenwirunsdiesacheauchnicht-wunderland zu leben glauben, und es nicht schaffen mehr als bis zum nächsten Mittagessen in die Zukunft zu denken, und eben auch nicht weiter als bis zu ihrem ideologischen tellerrand.

    beste Grüße
    beste Wünsche

    Josef Kreitmayer

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  8. JA – BITTE Natürlich MUSS man darüber reden – alles andere ist ideologischer Schmarrn und stark am Leben vorbei. und gerade als Frau und Mutter weiß frau, dass es wichtig ist, mit der Umwelt im Gleichgewicht zu leben, weil man sonst die Zukunft seiner Kinder gefährdet. Dass es nicht immer klappt aus Ideologie oder ähnlichem wissen wir eh alle – aber wenn man nicht mal mehr in einem westlichen Land, respektvoll darüber sprechen kann, sind Menschen nur mehr wie Viren… vermehren und alles auffressen bis nix mehr da ist… ich hoffe, wir haben mehr auf dem Kasten und schaffen den nächsten Entwicklungssprung… naja, gibt ja einiges zu tun und blödes ideologisches Gequatsche bringt einen in die Nähe von Typen, die uns eigentlich Angst machen….in diesem Sinne – bitte weitermachen!!!

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  9. DI arch Servus Du Sexualpopulist!

    wichtiges Thema, Tabuisierungen helfen niemanden,
    für Ö wäre es in dem Zusammenhang wichtig die Umsetzung bereits technisch abgeschlossener Entwicklungen im „renewable ressources“ Bereich zu forcieren und dass entsprechende RAhmenbedingungen massiv nachgebessert werden.

    So könnte Auslandsabhängigkeit bei Ressourcen & Energieimporten bedeutend verringert & nachhaltige Arbeitsplätze aufgebaut werden.

    Z.Zt wird z.b. über KLIEN der Ausbau Windkraft Chinas massiv gefördert (CO2 Kompensation bei Flügen, erst bei anklicken von Altenativen erscheinen öst. Optionen & die sind auch eher mickrig wie Umrüstung von Hotels auf Pelletsheitzung) statt Produktentwicklungen mit lanfristiger CO2 Bindung (NAWAROS im BAubereich v.a. Stroh) bei der MArkteinführung zu helfen. Bin schon für Entwicklungshilfezusammenarbeit aber nicht unbedingt für China!

    So wird Ö heuer ca. geschätzte 70 Mio t CO2 statt geplanter 40 Mio durch Zertifikate kompensieren und diese Chance zum Umbau Österreichs zu mehr resilience überwiegend ungenutzt viorbei streichen lassen . PS: Toblacher Gespräche heuer waren sehr inspirierend, Wohlstand ohne Wachstum war das Motto http://www.toblacher-gespraeche.it/de/toblacher-gespraeche.html sowie

    .

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