social media ein „Massenmedium“?

Armin Thurnher hat gewagt, sich kritisch über „das Internet“ zu äussern, von der Netzcommunity als Hetzkommunity zu sprechen, und vom „Blöken“ in den Blogs zu schreiben.
Vielfache Kritik schlug ihm in digitalen Medien (siehe dazu Helges Beitrag samt der dort dokumentierten Beiträge) entgegen, und im aktuellen falter wurden einige, darunter auch ich, gebeten, zum Thema social media und seine gesellschaftlichen Folgen zu schreiben.
Hier mein (verlängerter) Beitrag:
Freie Medien sind die Grundvoraussetzung der Demokratie, das Internet hat einen revolutionären Umbruch eingeleitet.
Ich will diesen an mir selbst beschreiben. Ich betreibe seit mehr als vier Jahren ein Blog, „bin“ bei Facebook und twittere. Ich kann mich ohne Umweg über Journalisten direkt an jene wachsende Zahl von Menschen wenden, die auf diesen Onlineplattformen aktiv sind. Sie schreiben zurück, ich lerne enorm viel von ihnen, bekomme Tipps und Kritik. Keine Frage, ich profitiere in höchstem Maße am Web, und verstehe nicht, warum nicht deutlich mehr Politiker/innen dieses direkte mittel des „digitalen Gesprächs“ nutzen.
Gleichzeitig stellen sich mir doch eine Reihe von Fragen:
Erstens: Wird „das Internet“ als Massenmedium nicht total überschätzt? Oder anders gefragt: Warum verstecken alle Medien ihre Zugriffszahlen hinter Verschleierungen? Die ÖWA (österreichische Webanalyse) misst akribisch genau, wie oft Webseiten besucht werden, listet die Ergebnisse aber in völlig irrelevanten Zahlen auf. Da wird zum Beispiel von zigmillionen „Unique Clients“ pro Monat gesprochen. Ich alleine bin da schon drei davon: Laptop, PC und iPhone sind je ein Client?
Wenn man so wie bei „richtigen“ Medien rechnet, nämlich Tagesreichweite bei Einzelmenschen, dann zeichnet sich ein anderes Bild ab. ORF.at, der mediale Platzhirschen Nummer 1, kommt gerade einmal auf 0,2 bis maximal 0,3 Millionen Menschen pro Tag, beim Online-Standard sind es laut Google Adplanner weit weniger als die Hälfte davon. Auf Angebote wie Wolfgang Fellners OE24.at verirren sich nur noch ein paar Zehntausend Menschen pro Tag. Sind das Massenmedien? Zum Vergleich: Die ORF-Sendung „Bundesland heute“ sehen täglich 1,2 Millionen. Nicht verteilt auf 24 Stunden, sondern gleichzeitig.
Zweitens: Natürlich ist Facebook ein Massenphänomen, aber ist es auch ein Massenmedium? Eines, das Öffentlichkeit schafft? Ich beobachte mich selbst: wer sind „meine Freunde“ auf Facebook? Wem „folge“ ich auf Twitter? Meinen Online-Bekanntenkreis verbindet ein ähnliches Milieu, ähnliche Interessen. Was passiert, wenn eher Gleichgesinnte miteinander sprechen? Der bulgarische Politikwissenschafter Ivan Krastev hat es jüngst auf den Punkt gebracht: Homogene Gruppen tendieren dazu, ihre Vorstellungen zu radikalisieren, weil das Abschleifen „am anderen“ nicht mehr passiert.
Öffentlichkeit dient dazu gemeinsame Regeln in der Stadt und im Staat zu schaffen, sich als Gesellschaft wahrzunehmen. Das funktioniert aber nur, wenn wir gemeinsam über etwas sprechen, das irgendwie alle, oder zumindest sehr viele angeht. Schaffen das Facebook und Twitter?
Oder – und das ist meine dritte Frage – leisten sie nicht vielmehr einem neuen Tribalismus Vorschub? Unser Staat baut auf einem gemeinsamem Verständnis von Demokratie auf. Dafür braucht es auch Massenmedien, die unser Interesse auf Gemeinsames lenken. Wenn Twitter und Facebook zu einer Fragmentierung führen, was wird diese in der Gesellschaft bewirken?
Jüngst meinte die Jugendforscherin Beate Großegger im Falter: „Im Interview mit einer 18-Jährigen hatte ich ein Aha-Erlebnis. Wir sprachen über Gesellschaftspolitik, und sie wusste nicht so recht, worauf ich hinaus will. Ich fragte: ‚Was verstehst du unter Gesellschaft?‘ Sie meinte: ‚Na ja, meine Familie, meine Freunde, das ist meine Gesellschaft-‚
Jetzt zwickt der Platz. Es gäbe noch weiteres Wichtiges, auch zur Ökonomie, zu hinterfragen. Auf meinem Blog geht’s weiter. Bitte kurz umschalten: chorherr.twoday.net
soweit im falter. jetzt bitte weiterlesen
Zwei weitere mir wichtige Themenkomplexe:
Da ist einmal die Ökonomie. Wiederum zugespitzt:
Jene Zeitungen, die sich auf ihr Kerngeschäft, die qualitätsvolle Gestaltung eines Massenmediums konzentriert haben, können, entgegen anderslautenden Anschauungen sogar deutlich Reichweite gewinnen sowie profitabel wirtschaften.
Die deutsche Wochnzeitung „die Zeit“ (deren Webauftritt ist bescheiden und kaum besucht) ist ebenso ein Beispiel wie der Wiener „Falter“.
Zeitungen, die irrigerweise glaubten, ihre primäre Aufgabe v.a. im Netz suchen zu müssen (wo klassisch massenmediale Verbreitung die Ausnahme und nicht die Regel ist) und dazu auch Unsummen an Geld verbraten haben, die stecken heute in Schwierigkeiten.
Ein Beispiel: Die New York Times. Allein für den Ankauf des läppschen Portals about.com wurden rund 500 Mio Dollar investiert. Die fehlen heute. Oder andersherum: Wie könnte heute das Blatt aussehen, wären sie ins Kerngeschäft geflossen?
Weiteres Beispiel, der economist; Ich halte ihn für eine der besten (wenn nicht „die“ beste) Wirtschaftszeitung der Welt.
Dieser Tage wurde ein mail an alle Abonnenten versandt, mit der Botschaft, dass man demnächst den „freien Onlinezugang“ bloss denen anbiete, die (ein Abo) bezahlen.
Ist das nicht verständlich? Wie soll langfristig eine teure Redaktion, Korrespondenten, v.a. auch Zeit für sorgfältige Journalisten bezahlt werden, wenn das Ergebnis gratis im Netz zu konsumieren ist.
Das kann kein Geschäftsmodell sein.
(Ich hab viel economist gelesen, ihn mir kaum gekauft. Ebensowenig wie die New York Times, die Sueddeutsche oder andere Qualitäts“blätter“.Ich konsumiere sie gratis im Netz.
Demnächst, wenn der economist online nicht mehr verfügbar ist, werd ich wieder ein Abo bestellen.)
Das Ergebnis des wirtschaftlichen Abstiegs von Zeitungen kann uns nicht egal sein.Ihre Qualität sank und wird weiter sinken, wenn ihre Erlöse zurückgehen.
Also ewig Papier?
Nein und Ja.
Ähnlich wie Steve Jobs und die Musikindustrie wird es bald kundenfreundliche kostenpflichtige digitale Angebote geben.
Mit dem „Kindle“ oder ähnlichen Endgeräten, die weitaus lesefreundlicher als ein flimmernder Computerscreen sind, gibt es auch schon die Richtung.
Aber Print wird bleiben, wie es heute noch und wieder Vinylplatten gibt, trotz Fernsehn und DVD noch immer das Kino, ja sogar noch das Theater gibt.
Print wird mehr ein „Kunstprodulkt“ werden, und sich auch entsprechend umpositionieren müssen.
Einfach zu verlangen, „schenkt`s alles her“ ist sicher keine Basis.
Mein letzter „kritischer“ Punkt zu „social media“.
Man muß nicht paranoid sein, um sich vorzustellen, was heute alles über Individuen gespeichert wird. Nicht weil sie überwacht werden, sondern weil , meist völlig unkritisch nahezu alles freiwillig ins Netz gestellt wird. Hobbies und Vorlieben, Intimstes und Berufliches, Aufenthaltsorte zu fast jeder Zeit, nichts wird nicht berichtet.
George Orwell würde vor Entsetzen umfallen, wenn er wüßte, was an lückenlosester Überwachung heute möglich ist, weil freiwillig alles preisgegeben wird.
Gerald Reischl ist kein Maschinenstürmer, im Gegenteil, er ist Experte für digitale Medien, schreibt für den Kurier und hat die Googlefalle geschrieben. Es ist unbeschreiblich, was dieser Konzern über uns alles weiss.
Und wehe, wenn sie losgelassen.
Und abschliesend nur zum Nachdenken: Unsere Privatheit, die eben nicht alle angeht, mit der wir nicht alle belästigen müssen, auch die ist längst abgeschafft.Das liegt auch im Wesen dessen, was web 2.0 letztlich ist.
Wir stehen am Anfang einer Revolution unserer Kommunikation.
Ich muß mich wiederholen. Ich erlebe social media für meinen Beruf, für meine Interessen als enorm bereichernd. Web 2.0 hat mein Leben auf vielfache Weise verändert, bereichert, mir Ideen und Menschen nähergebracht, mich in Gespräche verwickelt, die ich nur lobpreisen kann.
Aber es wäre töricht, sie nur aus meiner Sicht zu betrachten.
Eine fundierte, kontroverse Debatte, wie diese Medien unser Leben, unsere Demokratie, unsere Freizeit, unsere Art miteinander zu verkehren verändert muß geführt werden.
freu mich darauf

15 Gedanken zu “social media ein „Massenmedium“?

  1. Ansich guter Beitrag zur Diskussion – allerdings einige Kritikpunkte:

    – Google Adplanner ist eine ziemlich unseriöse Quelle um die Reichweite von Onlineauftritten zu bewerten. Da sind die ÖWA Stats schon wesentlich vertrauenswürdiger.

    – Und was hat eigentlich das ganze Thema puplishing Media: Print vs. Online mit der Diskussion „Social Media“ und „Web 2.0“ zu tun. Eigentlich nicht viel meiner Ansicht nach. Beispiele wie die Dot.com Blase about.com sind zudem ein ganz anderes Kapitel. Wichtige Tatsache für die Medienbranche: Werbudgets wandern zunehmend von Print&TV in den Online Bereich und im Online Bereich wiederum weniger in klassische Banner auf ORF.at sondern vielmehr in Google SEM und Social Media Kampagnen

    http://www.zeit.de hat im übrigen vor kurz einen großen Relaunch vollzogen und sicherlich viel Geld investiert und es wohl anzunehmen, dass sie auch eine nachhaltige Strategie dafür haben.

    – Wenn man „Bundesland heute“ als Massenmedium bezeichnet..zwickts auch wieder ordentlich. Der durchschnittliche Seher wird wohl 59 Jahre alt sein .. schätze ich jetzt mal grob. Daher eher ein MassenMedium in einer gewissen Gesellschaftsschicht. Angeblich schauen die Jungen ja gar nicht mehr TV und lesen selten Print Zeitungen… daher kann man davon ausgehen, dass die Zahlen für Print und TV weiter stagnieren und die Online Reichweite weiter steigen wird.

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  2. a. kannst du eventuell einen link setzen, woher genau du die zahlen zur reichweite der onlinemedien hast (die ja nicht social media sind)? wenn du für den online standard da weniger als die hälfte von 300.000 lesern hernimmst, ist das übrigens immer noch mehr als die österreichischen print-qualitätszeitungen an menschen erreichen. (und das obwohl zeitungen potentiell 100% der menschen erreichen, online aber glaub ich nur etwa 2/3 der österreicher)

    b. social media wie facebook sind rein prinzipiell schon mal keine massenmedien, weil man die leser dort einzeln identifizieren kann.

    c. eine gesellschaft braucht und hat kitt-themen. ob es für diese auch gemeinsame medien braucht, wäre eine seperate frage.

    d. ob es jemals eine zeit gab, in der man mit einer x-beliebigen 18-jährigen eine metadiskussion über gesellschaft führen konnte, sei mal dahingestellt.

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  3. Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

    Letztlich brät man im eigenen Milieu und misst FB, Twitter und Co. – aber auch der Blogszene – eine zu hohe Bedeutung zu. Trotzdem verändern und gestalten diese Medien unsere Sicht auf die Welt und daher gilt definitiv das Fazit: „Eine fundierte, kontroverse Debatte, wie diese medien unser Leben, unsree Demokratie, unsere Freizeit unsere Art miteinander zu verkehren verändert muß geführt werden.“ – Da freu ich mich auch drauf!

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  4. Anonymität/Zensur Ein spannendes Subthema ist die Kommentarfunktion diverser Onlinemedien. Wäre eine solche Funktion nicht interessanter, wenn diese nicht anonym stattfinden würde? Das Niveau der Diskussionen ist ja vor allem deshalb so niedrig, weil sich einige hinter ihrer Anonymität verstecken und sie sich deshalb für ihre (zT an Rassismus oder Volksverhetzung grenzenden) Kommentare nicht schämen. Derzeit gibt es Zensoren, welche den ärgsten Dreck löschen.
    Werden Naziparolen auch zur Anzeige gebracht? Und ist Zensur ein taugliches Mittel um diese Tendenzen zu unterbinden? Letzlich scheint mir Zensur eine sehr willkührliche Methode zu sein, welche Rechtsradikale subjektiv in eine Opferrolle und Isolation drängt, was dann (lt Kratev) dazu führt, dass diese ihre Vorstellungen noch weiter radikalisieren.

    Ich hätte übrigens nichts gegen online Abonements, kann mir aber vorstellen, dass das besser funktioniert, wenn sich möglichst viele Medien zusammenschließen und (zB mittels OpenID) Abopackages anbieten (eine ID für Standard,Presse,ORF,Krone,…). Eventuell kann man mit einer solchen ID ja auch pay-per-view (erster Absatz ist zB gratis) anbieten. Natürlich bin auch ich froh, dass es das heute alles gratis gibt. Aber es ist mir lieber, wenn Journalisten von den Lesern bezahlt werden als von Werbekunden. Wenn das Einkommen der Journalisten nur von einigen wenigen Konzernen abhängt, dann üben diese auch Einfluß auf den Inhalt der Presseartikel aus. Auch heute schon verlieren immer wieder Zeitungen ihre Anzeigenkunden, weil der Kunde in einem Artikel schlecht wegkommt oder dem Konzern auch nur die politische Linie missfällt.

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  5. Interessant, dass du auf Thurnhers Suada über den ach so schlechten Umgangston im Internet („Hetz-Community“) mit einer Verteidigung von Old Media reagierst. Also eigentlich einem ganz anderen Thema.

    Der Gedankengang muss dann in etwa so gelaufen sein: Thurnhers Frage zeigt halt, wie sehr der Arme als Verleger in der Defensive ist, hach, das wird doch eh total überschätzt, dieses Internet..

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  6. Mein Eindruck ist, dass das Internet kein Massenmedium im Sinne eines ORF oder einer der größeren Printmedien sein kann. Das geht sich schon aus Gründen des Zeitbudgets nicht aus. Das Revolutionäre am Internet (incl. dem ganzen Social-xyz-hype) ist ja, dass es über die 1:n-Kontakte die wir von klassischen Medien gewohnt sind, n:m-Kontakte ermöglicht. D.h. die „Massen“ konsumieren auch eine Vielzahl einzelner Anbieter, der Multiplikationsfaktor eines einzelnen Anbieters ist daher zwangsläufig mit dem Zeitbudget der Konsumenten limitiert.

    Zum „tribal“-Begriff würde ich in diesem Zusammenhang aber nicht greifen, da die „tribes“ ja recht dynamisch und inhomogen sind; da gibt es meiner Wahrnehmung nach keine dominierenden stabilen Gruppen.

    Was den Effekt des Web 2.0 auf das echte Leben anbelangt, können wir an zahlreichen Beispielen der jüngeren Vergangenheit beobachten: per se bewegt irgendein Blogeintrag so gut wie gar nichts. Schwung kommt erst in die Sache, wenn die klassischen Massenmedien das Thema aufgreifen und unter dem Titel „Riesenhype im Internet!“ in Radio, Fernsehen oder Zeitung bringen, wie das z.B. bei den Grünen Vorwahlen der Fall war. Dadurch verstärken sie den anfänglichen Internet-Hype. Weitere Beispiele dieser Resonanz zwischen klassischen Medien und Web 2.0 wären die Lichterkette 2009 ums Parlament oder die Facebook-Group „Gio Hahn soll für seine 11 Jahre Studium Studiengebühren nachzahlen!“.

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  7. ÖWA Die ÖWA unterscheidet zwischen ÖWA Basic und ÖWA Plus:

    – ÖWA Basic ist eine rein technische Messung auf Basis von Cookies, daher gibt’s dort als Ergebnis „nur“ Unique Clients.

    – ÖWA Plus geht wesentlich weiter und errechnet aus ÖWA Basic, einer Online Umfrage und AIM Daten echte Nutzerzahlen (Unique User) inkl. Demographischer Daten. D.h. dort wird das Multiclient- (= eine Person verwendet mehrere Cients) als auch das Multiuser-Problem (= mehrere Personen verwenden den selben Client) beachtet & korrigiert. http://www.oewa.at/index.php?id=35

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  8. Angst? Also zuerst von freien Medien reden, und im nächsten Satz Facebook erwähnen find ich jetzt schon ein bissl gewagt. Viel unfreier als Facebook gehts ja gar nicht mehr.

    Warum sollte „gratis“ kein Geschäftmodell sein? Wenn man sich das, was für Druck und Vertrieb draufgeht, spart, reichen wahrscheinlich die Werbeeinnahmen. Werbeplatz in Zeitungen ist halt mehr wert, weil keiner messen kann, wie viele Leute draufklicken.

    Was Armin Thurnher angeht: Ich glaube, er hat einfach nur Angst. Er weiß, dass es für Zeitungen in Zukunft schwer wird, und viele davon verschwinden werden. Ich schreib das jetzt gar nicht wertend. Er tut so, als wäre die massenmediale 1:n Kommunikation natürlich. Das ist nicht so. Bevors Massenmedien gab, haben sich Nachrichten über Gerüchte verbreitet. Durch Buchdruck, Radio und Fernsehen ists leichter geworden, mehr Menschen zu erreichen. Da es aber technisch nicht möglich (und auch nicht erlaubt) war/ist, dass jeder seinen eigenen Fernsehsender betreibt, oder seine Zeitung druckt, und einzelne Exemplare in entfernte Länder schickt, gibts halt Massenmedien. Mit dem Internet sind diese Hindernisse weg. Was ich schreibe, können Japaner wenige Sekunden später lesen.

    Sicher gibts Bereiche, wo mehr Recherche Sinn macht, allerdings find ichs schon eher unfair, den Bloggern die Recherche abzusprechen, wo sie doch im Gegensatz zu Massenmedien ihre Quellen ordentlich angeben.

    Und woher die Nachrichten in Zukunft kommen, hat sich ja in der Irankrise gezeigt. Twitter hat funkioniert, Massenmedien waren blockiert.

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  9. Man darf in meinen Augen Birnen mit Äpfel in dieser Diskussion nicht verwechseln. Während TV/Print ein klassisch „passives“ Medium ist, das heißt, es gibt eine Stelle die veröffentlicht und Konsumenten, die das mehr oder weniger über sich ergehen lassen müssen, ist (ich hasse diesen Begriff!) Web 2.0 ein wesentlich „demokratischerer“ Zugang.

    Wenn man „Zuseher“ vergleicht, dann sollte man vieleicht andere Zahlen vergleichen: Wie viele Blogger gibt’s – wie viele Leute gibt es, die klassische Medien verbreiten. Wie viele „Facebook-Freunde“/Twitter Follower hat ein Politiker – an wie viele Leute kommt der selbe Politiker persönlich. Also, wenn ein Strache während des Wahlkampfs in der Fußgängerzone steht und erklärt dass er de Sorgen der Leute sich anhört, wird er garantiert nicht viel mehr „Feedback“ von Leuten erhalten als ein im Web aktiver Benutzer. Damit ist der Vergleich der Nutzerzahlen in meinen Augen ein falscher, eben weil die Qualität des Kontaktes eine andere ist. Klar, für einen Politiker ist es interessanter wenn er am besten täglich von jedem Österreicher gehört würde. Aber man darf außerdem nicht vergessen: Diese Welle -> Facebook/Twitter/Blogs gibt’s noch nicht wirklich lang. Wie viele Leute haben 2-4 Jahre nach Erfindung des TVs einen Fernseher zu Haus gehabt?

    Dass viel mehr grundsätzlich Gleichgesinnte im Netz miteinander zu tun haben liegt natürlich an der Natur der Sache. Allerdings seh ich im Moment weniger die Gefahr dass es kein Abschleifen gibt. Es gibt das wunderbare Beispiel z.B. des Blogs vom Tom Schaffer, wo auch mal ein „kleiner BZÖ’ler“ oder ein Gerhard Loub sich einmischen. Klar, die Anonymität schafft natürlich auch das Problem, dass das Klima hier schnell rau werden kann. Aber wo ist da z.B. der Unterschied zum Leserbriefschreiber in der Kronenzeitung? Durch die Anonymität (Obwohl mir das Wort nicht wirklich gefällt, da Blogger oder Blogleser zumeist nicht so anonym sind) hat man aber auch viel mehr die Möglichkeit berechtigte und sinnvolle Kritik zu äußern. Wie war es denn z.B. bei den grünen Vorwahlen jetzt? Da ist im Netz diskutiert und kritisiert worden, vermutlich von grünen Sympathisanten als in den Medien, für die das ein Sommerlochfüller, aber nicht mehr war.

    Und dass das Netz nicht (noch) sehr viel demokratischer als alle anderen Netze ist kann man wohl nicht behaupten. Dieses Posting, das schlicht und einfach meine kleine Meinung repräsentiert, wäre ohne das Web nicht ohne riesen Aufwand einer gewissen Anzahl von Lesern zugänglich zu machen gewesen. Also, wenn man schon Zahlen vergleichen will: Blog/Facebook/Twitter: vielleicht einige hundert, einige tausend, keine Ahnung <–> TV, Print: Null 😉

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  10. Das Internet ist kein Massenmedium Das Internet ist kein Massenmedium weil es die Masse im herannahenden postindustriellen netzwerkbasiertem Zeitalter nicht mehr gibt. „Eine fundierte Debatte muss geführt werden“: Wurde auch geführt. Laurence Lessig , Yochai Benkler, Jeanette Hofmann, Richard Stallman, Marc Prensky, John Palfrey, Richard Barbrook, Anderson, … haben wir aufmerksam gelesen. Das Problem besteht. Doch Armin Thurnhers grundlegendes Misstrauen gegenüber hierarchiefreien Räumen, lässt sich weit in der Geschichte des Falters zurückverfolgen. Schon seit zwanzig Jahren kultiviert die Stadtzeitung einen eigenartigen männlich dominierten Blickwinkel. Das mag verwundern, gilt der Falter doch als Links-liberal. Auch der Online Auftritt des Falters widerspricht der Einordnung „liberal“. Die Form folgt der Funktion und ermutigt zur Kunst des Leserbriefeschreibens. Das ist zu akzeptieren, mindert die Verdienste des Falters in keiner Weise, es schmerzt nur, ist allzu leicht durchschaubar, langweilig und offensichtlich einem autoritären industriellen Massen-Gesellschaftsmodell verpflichtet. Als einkanalig-museales Massenmedium ist dem Falter eine Zukunft zu wünschen. Den Falter lese ich daher gratis im Cafe. Wir werden sehen.

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  11. Tribalismus und Realitätsverzerrung Die Blog- etc -Kultur verstärkt das Bestreben, sich selbst primär mit Informationen zu versorgen, die in das Bild passen, das man sich von der Welt ohnehin schon gemacht hat. Dem widersprechende Infos, die in „herkömmlichen“ Medien zwangläufig auch erwähnt werden, kann man dann wunderbar ausblenden. Man bleibt unter sich. Kein Wunder also, dass Verschwörungstheorien und ähnlicher Unsinn blühen wie nie zuvor.

    Bösartig könnte man noch anführen, dass es gerade die Grünen beim Ausblenden bestimmter Aspekte der Realität zur Perfektion gebracht haben, und vielleicht gerade deshalb die Web-Community so dominieren.

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  12. Online-„Freunde“ Ist es tatsächlich so, dass die Mehrheit der Online-Community wiederum nur mit ihresgleichen vernetzt? Ich folge auf Twitter in großer Zahl Personen und Institutionen, die genau nicht meiner Meinung sinbd oder meinen Zugang zu Themen folgen. Natürlich sind auch einige Personen dabei, die in meiner Branche tätig sind. Mit dem Ergebnis, dass ich jeden halbwegs interessanten Tweet von all diesen noch zehnmal Re-Tweetet bekomme. Und die uninteressanten erst recht: „Herman Maier gibt seinen Rücktritt bekannt. Große Emotionen!“ Danke, einmal war das schon zu viel.
    Wobei das natürlich wiederum für ein anderes Posting unter diesen Kommentaren spricht. Man konfrontiert sich nurmehr mit Meinungen, die sich weitestgehend mit der eigenen decken und blendet alle anderen aus. Was „das Internet“ wiederum sehr menschlich macht.

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  13. vielleicht mal „Massenmedium“ mit „Leitmedium“ vertauschen? Weder Print noch TV sind mehr als Leitmedium zu bezeichnen.

    dass aber neue medien alte nicht ersetzen, gilt seit fast 100 jahren als anerkanntes „gesetz“ (Riepl), muss das immer wieder durchgekaut werden?

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  14. Zukunft Schauen wir in die Zukunft, wie sie meine Schüler widerspiegeln:
    Sie lesen keine Zeitung („Heute“ ist keine Zeitung), aber sie surfen stundenlang im Netz.
    Sie haben keinen mächtigen Zugang zur Öffentlichkeit über Zeitung und TV, aber sie schreiben Blogs, twittern und chatten auf allen möglichen Kanälen, laden Videos und podcasts hoch. Halleluja. Sie geben ihre Identität preis, wie ein Journalist das auch macht, na und? Dieses vorsichtige Verstecken, das alle Warner fordern, haben sie nicht nötig, lehnen sie instinktiv ab: Schaut her, das ist mein (nacktes) Leben. So bin ich. Direkt und ehrlich, auch wenn es nicht opportun oder karrierefördernd ist.

    Web 2.0, das ist gelebte Demokratie, Demokratisierung der größten Macht im Staat, der Medien. (Die Konzentration auf einen Kronzeitungsmacher, das ist das schlimme Gegenteil.) Alte Medien und Thurnher können das nicht lieben, klar.

    Ich bin selbst Zeitungsabonnent, aber nur über meinen Blog kann ich mich der ganzen Welt mitteilen (sonst nirgends!) und habe Spaß daran.

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