Verrückt: futurezone bei orf.at soll abgedreht werden

Seit Jahren ist einem Teil (ich sage bewusst: einem Teil) der
heimischen Zeitungsverleger der Erfolg von ORF Online ein Dorn im
Auge. Der ORF sei so groß, weil er der ORF ist, war immer zu hören.
Ein Blick nach Deutschland zeigt: Wenn die Saurier des Fernsehens auch
im Internet so groß wären, dann müssten „tagesschau.de“ oder
„heute.de“ die erfolgreichsten Medienangebote im Web sein. Sie heißen
aber „bild.de“ und „spiegel.de“. Warum: Weil selbst die „Bild“-Zeitung
erkannt hat, dass man für das Internet genuin eigene Anstrengungen,
sprich ein medienkonformes Angebot stellen muss und nicht einfach
Contents zweitverwerten und dafür billig Werbegeld lukrieren kann. In
Österreich hat der „Standard“ das als erster erkannt. Und ist ein
dementsprechend glaubwürdiges Medium im Web.
Der ORF hat für das Web ein eigenständiges Angebot gemacht, es war und ist ein starker, unabhängiger Beitrag zur Pluralisierung der heimischen Medienöffentlichkeit. Ich nutze ihn, so wie standard.at regelmäßig.
Und obwohl orf.at so eigenständig erschien, hat sie immer etwas, was man sich vom ORF erwartet und im Fernsehn so oft vermisst.: Sie war und ist besonders aktuell und vor allemverlässlich. Besonders verlässlich, weil sie Nachrichten zu den ThemenBürgerrechten im digitalen Zeitalter bietet, ist die Futurezone vonORF On. Sie hat sich gerade auf EU-Ebene um Themen gekümmert, diesonst niemand beackern konnte. Warum? Sie haben offensichtlich ausreichend redaktionelle Kraft auf die Behandlung dieser Themen und schauen nicht auf eine simple Bilanzrechnung.
Die Herren Grasl (ORF) und Gerald Grünberger (VÖZ-Geschäftsführer)
haben die Hintergründe für ein neues ORF-Gesetz ausgehandelt. Zuerst
wollte man vom ORF ein werbefreies Webangebot, das maximal
„Überblicksberichterstattung“ bietet, dann wollte man für den ORF die
Werbung im Online-Bereich beschränken. Nicht mehr als zwei Prozent des
Gebührenaufkommens sollte der ORF mit der Online-Werbung lukrieren
dürfen. Der Effekt: Der ganze heimische Werbemarkt wäre ruiniert
gewesen, gefreut hätten sich deutsche Angebote mit heimischen
Werbefenstern (kommt uns das aus dem Fernsehen bekannt vor?) Nun sind
diese Werbebeschränkungen zumindest gelockert. Doch der ORF muss
symbolische Preise dafür zahlen: Geopfert werden soll der
Special-Interest-Kanal „Futurezone“. Warum? Das entzieht sich meiner
Kenntnis, abgesehen davon, dass sie manchem Politiker als kritisches
Medium offenbar ein Dorn im Auge ist. Denn: Die Futurezone ist irgendwie, neben Ö1 das öffentlich-rechtlichste, was der ORF anbietet.
Die Futurezone hat eine wichtige Rolle als Übersetzer. Sie vermittelt
zwischen den Bereichen der Informations- undKommunikationstechnologien, der Politik und den Bürgern.Die Relevanzdieses Politikbereichs wird in Zukunft weiter wachsen. Komplexe Themenwie Vorratsdatenspeicherung, SWIFT-Abkommen, Roaming-Verordnung undFrequenzzuteilungen wurden in der Futurezone aufgegriffen, die mühsame Arbeit der Sachpolitik fürinteressierte Bürger ziemlich gut dargestellt. Da sich die Futurezone auch im Ausland einen guten Ruf als verlässliche Informationsquelle erworben hat, ist sie auch ein wichtiger Vermittler für österreichische Positionen in Europa.
Diese langwierige analytische Arbeit ist für private Medien nur schwer
zu leisten, umgekehrt können diese jederzeit auf die Vorarbeit der
Futurezone-Redaktion zurückgreifen.
Warum macht man nicht ein Gesetz, dass regelt, dass der ORF Online
gerade derartig öffentlich-rechtliche Angebote im Dienst der
Bürgerinnen und Bürger herstellt? In den USA müssen mittlerweile NGOs
wie das „Pulitzer Center“ mithelfen, damit es investigativen
Journalismus gibt. In Österreich, wo es Gott sei Dank öffentlich
rechtliche Medien gibt, dreht man gerade so eine Institution ab. Mit
dem Hinweis, „es gibt ja keine Fernsehsendung“, die Futurezone heißt.
Hier werden in Kenntnislosigkeit Fetische verhandelt und sollen per
Gesetz gekillt werden. Wenn sich der VÖZ vor Medien fürchtet, die
50.000 – 100.000 PIs am Tag machen, dann soll er bitte zusperren. Denn
dann traut er seiner eigenen journalistischen Medienleistung nicht.
Wir sollten aufstehen und Journalismus verteidigen.
Egal wo er passiert: Im ORF, in den Zeitungen. Und wir sollten
schauen, dass dieser eine Grundlage für seine Arbeit hat. Was im
Moment passiert, ist einfach, ein Bauernopfer zu finden für eine über
Jahre hinweg vernachlässigtes Nachdenken über Medien. Jetzt sollten
wir darüber nachdenken, was hier rasch zu tun ist. Denn hier geht es um unsere Demokratie – und nicht um Postgeschacher für den nächsten ORF-Direktoriumsjob.
Nicht die Futurezone abschaffen – der ORF gehört auf Angebote wie die
Futurezone verpflichtet.
…more to come

15 Gedanken zu “Verrückt: futurezone bei orf.at soll abgedreht werden

  1. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass sich österreichische Zeitungsherausgeber und Politiker vor journalistischer Qualität fürchten. Ich füge hinzu: Es gilt auch hier die österreichische Unschuldszumutung.

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  2. Orf.at Beschränkung Verstehe ich nicht ganz, liegt aber vielleicht an meinem Wissensstand.

    Wenn ich das richtig sehe, haben ARD und ORF einen halbwegs vergleichbaren öffentlich-rechtlichen Programmauftrag für Rundfunkanstalten.
    Der Auftrag bezieht sich auf gerade das – auf die Versorgung der Öffentlichkeit mit einem qualitativ hochwertigen und wirtschaftlich unabhängigen Rundfunkprogramm.
    Nicht aber auf die Versorgung der Öffentlichkeit mit einer Zeitung, einem Magazin, oder einer Webseite. ORF = Österreichischer RundFunk.

    Wenn der ORF dann also im Gegensatz zur ARD mit massivem Einsatz von Gebühren eine sehr gute Webseite aufbaut, die im Bereicht Nachrichten den Markt meines Wissens nach dominiert, dann ist das vom Auftrag aus meiner Sicht nicht gedeckt. Ich weiß nicht, wie sich orf.at finanziert, aber eventuell geht es sogar gegen das Gebot, mit Gebührengeldern möglichst sparsam umzugehen, falls die Webseite nicht profitabel arbeitet.

    Die ARD hat ja auch aus dem Grund eines mangelnden Auftrags für das Internet keine Webseite aufgebaut, die großartig über Programminformationen hinausgeht, und dadurch hatten es private Anbieter wohl eventuell wirklich leichter. Ohne orf.at würde derStandard.at wohl extrem dominieren, andere Anbieter würden sich (finanziell) wohl auch nicht ganz so schwer tun.

    Aus meiner Sicht ist damit der Ansatz nicht falsch, über die Rolle von orf.at nachzudenken. Eine Möglichkeit wäre es, den Auftrag des ORF auf das Internet auszuweiten (von mir präferiert). Eine andere Möglichkeit wäre es, orf.at zurückzustutzen, da verzerrend. (Die dritte wäre es, einfach so weiterzumachen wie bisher, wir müssen es ja nicht so genau nehmen.)

    Warum es aber dann gerade die FuZo trifft, die jetzt getroffene Entscheidung verstehe ich keineswegs, mit der Kritik an dieser Entscheidung haben sie aus meiner Sicht jedenfalls recht.

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  3. aber es gibt NEWTON was zumindest einiges von Futurzone abdeckt (natürlich auch einiges von Science.orf)! Report, Club2, usw. all diese Formate decken jeweils einen Teil von Futurezone ab.

    Es gibt auch keine Sendung „News“. deshalb müsste man das ganze Online-Portal vom ORF sperren nach dieser Argumentation.

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  4. Ich bin entsetzt Diese Nachricht versaut mir den Abend!
    Futerzone ist vlt. beste deutschsprachige Quelle, die Themen kommentiert, die neben Österreich auch Deutschland betreffen. Ich bekomme so einen Blick auf die Sicht des europäischen Auslandes auf Deutschland. In Netzpolitischen Themen ist futerzone fast immer 2-3 Tage schneller als die Medien in Deutschland. Nichtmal dpa bringt diese Themen, sodass man sie auch nicht aufnehmen kann.
    Wenn futerzone off geht, ist die ist nur ein Weg um den Bürger unwissend zu halten. Monetäre fragen sind nur vorgeschoben.

    Gruß
    robberknight

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  5. D’accord! http://groebchen.wordpress.com/2009/11/21/zukunftszone-ohne-zukunft/

    Wenn der ORF ernsthaft zulässt, daß ihm die Verleger vorschreiben können, was er wie journalistisch abzuhandeln hat (quantitativ/qualitativ), dann ist das der Anfang vom Ende eines seriösen öffentlich-rechtlichen Mediums. Ich wette aber, da haben einige Herren hie wie da nicht verstanden, daß es auch mündige Konsumenten, Seher, Hörer, Leser gibt. Und werden sich eventuell noch wundern.

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  6. politik gegen menschen soweit der politische und rechtlicher teil dieses falls. mindest ebenso interessant ist doch die sicht der rezipienten, der sich nicht unmittelbar für öffentlich-rechtliche aufträger usw. interessiert / interessieren muss. für ihn bedeutet dies nichts anderes als eine deutliche verschlechterung des angebots, nichtzuletzt da sich die futurzone um ein in österreich publizistisch vernachlässigtes themenfeld kümmert (anders als in deutschland) und damit in österreich ein alleinstellungsmerkmal besitzt. eine abschaffung der futurzone ist also nichts anderes als (medien)politik gegen die gebührenzahler, medienkonsumenten, wähler und menschen. dies sollen mal der orf und besonders die zeitungsverleger argumentieren, die sich ihre angebote übrigens auch von steuerzahler unterstützen lassen und gerne die mangelnde „debattenkultur“ kritisieren.
    in diesem sinne und mit den worten max winde: „Ihr werdet euch noch wünschen wir wären Politikverdrossen.“

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  7. Gerontokratie? Die Generation, die sich für die Themen der Futurezone interessiert ist ziemlich geburtenschwach, zu mehr als der Hälfte nicht wahlberechtigt und hat, abgesehen von ein paar Unternehmern auch kein Faxgerät.

    Fakt ist: Junge Leute sind für den ORF kaum interessant. Drum hat man ja auch das Programm für junge Leute am Donnerstag Abend gebündelt, weil die beim ORF genau wissen, dass junge Leute es sich nicht antun, ein paar Perlen, die zu unmöglichen Zeiten gesendet werden, herauszupicken.

    Am besten wärs wohl, wenn die Futurezone aus dem ORF ausgegliedert wird, und sich mit Flattr selbst finanziert. Würd mich nicht wundern, wenn da am Schluss mehr rauskommt, als jetzt

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  8. Noch ein Opfer? Der ORF hatte einen gutgehenden, schönen und „sauberen“ Spiel-Channel, mit Online-Schnapsen etc.
    Und einen hervorragenden Kulturchannel.
    Und einen extrem innovativen Comic-Channel, der erstmals die heimische Comic-Szene nachhaltig förderte (2000-2005!)
    Und…
    Bis die Konkurrenz in Brüssel drohte und klagte.
    In keinem der Fälle gab es nachher dafür einen Ersatz,weder adäquat, noch _irgendwie_ und schon gar nicht von einer österreichschen Zeitung. Der Raum (um die vermuteten Werbemillionen abzusahnen) wäre ja frei gewesen, aber es blieb nur (ohne allzu pathetisch klingen zu wollen) verbrannte Erde.
    Wann reicht’s den Zeitungsherausgebern eigentlich? Wenn der ORF orf.at ganz abdreht?
    Und wie wär’s mit eigenen, hervorragenden Gegenprodukten statt lamoyanten Futternapfneid?

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  9. Die ORF Gebühren stammen aus einer völlig anderen medialen Welt und passen einfach nicht mehr in unsere Zeit. Ich schlage daher vor, sie in dieser Form abzuschaffen und einen steuerfinanzierten Betrag in derselben Höhe für die „öffentlich-rechtlichsten“ Projektfinanzierungen für jedermann zugänglich auszuschreiben. Dinge wie die futurezone könnte man dann leicht finanzieren, denn aus ATV würde ein Sender, der besseres Mischprogramm macht, als der ORF heute macht – nur um einen Bruchteil der Kosten. Und deutsche Sender würden wahrscheinlich eigene Ösifenster einrichten, die aus mehr bestehen als nur Werbung, in der man die Zahnpasta namens „Colgate“ tatsächlich englisch ausspricht.

    Aber in Österreich wird Fernsehen ja nicht für die Zuschauer gemacht sondern für die Küniglberger (sowie die Schulen auch nicht für die Schüler da sind sondern für die Lehrer und der Staat auch nicht für die Bürger da ist sondern für seine Politiker und Beamte – ich weiss eh). Nur ja niemand wehtun und weiterwursteln.

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  10. Ich teile diese Meinung voll und ganz und als jemand, der seit langem in der Community von ORF.at unterwegs ist, bin ich ziemlich angefressen, daß mir nicht nur die FuZo, sondern auch meine bevorzugten Foren abgedreht werden sollen – nicht etwa aus wirtschaftlichen Gründen, das könnte ich ja noch verstehen. Aber nein, die laufen ja, wirtschaftlich gesehen, gut.

    Sondern einzig und allein, weil irgendwelchen Lobbyisten und Chefstrategen schlichtweg wurscht ist, was ich als Medien-Konsument dazu zu sagen habe, können solche Ideen überhaupt entstehen.

    Ich bin zur Zeit sowohl auf den ORF als auch auf den VÖZ als auch – wenn das wirklich so durchgeht – auf die verantwortlichen NR-Abgeordneten wirklich stinksauer – und zwar längerfristig und nachhaltig, wenn diese Verpopschung österreichischer Medien-Konsumenten nicht bald gestoppt wird.

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  11. Radiosendung futurezone? Könnte der ORF nicht einfach eine Radiosendung zur Futurezone machen? Damit wäre das Angebot legalisiert? Oder geht die Idee am Selbstverständnis des ORF vorbei, sprich, der Politik wird nicht widersprochen? Es kann doch nicht so aufwendig sein, den Text der futurezone um Mitternacht vorzulesen?

    Endlich ist ein Grund gefunden um kritische Stimmen verstummen zu lassen.

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  12. gibt sogar schon eine Facebook-Gruppe: „Retten wir die Futurezone!“
    immerhin schon über 900 Leute.

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  13. Betreffs VÖZ-Mitglieder Mit Annahme des neuen ORF-Gesetzes verabschiede ich mich aus der Standard-Community sowie aus allen anderen österreichischen Communities. Ich weigere mich, über diesen Abschied hinaus, in Zukunft auch nur einen Klick beizutragen. Das tut mir leid, aber die ebenso arrogante wie ignorante Medienpolitik des Gesetzgebers lässt mir keine andere Wahl. Die ORF.at-Community begleite ich noch bis zu ihrer offizielle Hinrichtung.

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  14. Ach was … das dient alles der freien Marktwirtschaft und dem Credo: „Leistung muss sich lohnen.“, selbst wenn das nur bedeutet, dass sich ein paar ignorante Lobbyisten was geleistet haben …

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