Think big!

Die Aschewolke des Unaussprechlichen hat sich verzogen.Flugzeuge starten und landen wieder, als wäre nichts gewesen. Die öffentlchen Debatten konzentrieren sich jetzt zurecht auf die Ölpest im Golf von Mexiko und die griechische Tragödie.Vergessen scheint, daß es ernsthafte und spannende Debatten darüber gab, wie unser Leben aussähe, wenn für Monate, ja selbst ein ganzes Jahr kein Flugzeug aufsteigen könne.
Versuchen wir eine Verknüpfung dieser drei Megaereignisse, Vulkan,Öldrama und Schuldenkrise, und leiten ein großes europäisches Projekt daraus ab.
Dieses sollte uns unabhängiger von Flugverkehr und Erdöl machen, und sinnvolle Impulse gegen die Wirtchaftskrise setzen.
Da gäbe es etwas: Die europäische Bahn.
Wer heute aus Wien, oder aus jeder beliebigen anderen europäischen Stadt in eine andere reisen möchte, denkt sofort ans Auto oder das Flugzeug. Denn die Bahn in langsam, umständlich, oft unzuverlässig und mit ihrem Kundesservice veraltert.
Zwei Beispiele aus Wiener Sicht.
1989 fiel der eiserne Vorhang. Von Wien nach Bratislava sind es 65 km. Die Bahnstrecke war nicht einmal elektrifiziert, und man benötigte rund eine Stunde, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von weniger als 80km/h entspricht.
Und heute? Die Situation ist unverändert, die schnellste Verbindung dauert 57 Minuten, bloß sind die damals schon alten Garnituren noch 20 Jahre älter.
Oder von Wien nach Prag: Auch heute noch zuckelt lähmend langsam ein Zug viele Stunden lang dahin. Meist muß man sogar umsteigen.
Attraktive Angebote werden jedoch sofort angenommen. Die gar nicht billige Schiffsverbindung von Wien nach Bratislava ist ein Renner.
Denn es geht nicht nur um Geschwindigkeit, sondern auch um Komfort und ein Fahrerlebnis.
Dieses große europäische Projekt ist überfällig. Ausbau der Bahnverbindungen, um jedenfalls eine Durchschnittsgeschwindigkeit von ohnehin bescheidenen130 km/h zu garantieren; ein wirklicher “highspeed-train” a la TGV wäre das ohnehin nicht.
Und dazu: Attraktive Nachtverbindungen mit individuellen Schlafmöglichkeiten samt wirklich guten Restaurants in den Zügen.
Dann steigt man so um 19.00 am Abend in den Zug, egal in welcher Metropole und kommt am nächsten Tag in der Früh an seinem Ziel an.
Ob nach London, Rom oder Kopenhagen.
Übrigens. Die mit Abstand meisten Flieger, die in Schwechat starten, haben Strecken kürzer als 1200 km, wären also mit derarigen Zugsnachtverbindungen leicht zu ersetzen.
Liebes Europa, das kann doch nicht so schwer sein!
(meine aktuelle Pressekolumne)

11 Gedanken zu “Think big!

  1. Durchschnittsgeschwindigkeit Wenn man für 65 km rund eine Stunde benötigt, dann entspricht das einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 65 km/h. Übrigens haben die meisten Verbindungen in den Nordosten Niederösterreichs eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 50 km/h!! Kein Wunder also, wenn die Pendler in Zukunft auf den neu gebauten Autobahnen fahren werden.

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  2. Schön wärs! Aber ich wollte gerade nach Strasbourg – als passionierter Bahnfahrer bin ich früher immer mit dem Nachtzug gefahren. Jetzt flieg ich nach Paris und fahr dann 2 Stunden mit dem TGV in die Gegenrichtung zurück – die mühsame Umsteigeverbindung den ganzen Tag über hab ich mir erspart. Aber Hauptsache, es gibt einen „transeuropäischen Hauptbahnhof“ in Wien…

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  3. Das müssen aber viele Züge sein Ich bin ganz bei Dir, Christoph. Nur muss man auch dazu sagen, dass das sehr viele Züge sein müssen, damit es von jedem Punkt zu jedem eine gute Nachtverbindung gibt, wo man nicht zu nachtschlafener Zeit aus einem Zug geschmissen wird.

    Und es hat seine Grenzen: Letztes Jahr bin ich in der Früh Stockholm-Wien-Innsbruck geflogen, habe dort Termine wahrgenommen, und bin dann am frühen Abend Innsbruck-Wien geflogen. Das geht mit dem 130-Kmh-Zug nicht.

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  4. Ja, es gäb viel zu tun. So, nachdem ich hier mit meinen Antworten alles zuspamme, geb ich noch meinen generischen Senf dazu.
    Also erstens: Es gäb viel zu verbessern und viel zu tun. Oft wärs leicht, und oft ists nicht so leicht, wie man sich das als Bahnfahrer so vorstellt. Grad bei Wien-Bratislava kann man nur ordentlich Zeit rausreißen, wenn man Zwischenhalte streicht, also den Eilzug zusätzlich zum Bummelzug fahren lässt. Die sind danach wohl beide schlecht ausgelastet. Wenn man das Intervall dann noch mehr streckt als 1h, pfeifen die Leute drauf und fahren mit dem Auto.
    Da wärs meiner Meinung nach wichtiger, Wolfstahl und Bratislava wieder zu verbinden. Dann können die Slowaken immerhin umsteigefrei zu unserm Flughafen und viele Niederösterreicher sind auch schneller in Bratislava. Außerdem gäbs dann stündlich eine Bratislava-Verbindung mehr. Alle 20 Minuten einmal über Marchegg, einmal über Wolfsthal und einmal über Bruck nach Bratislava fahren bringt sicher mehr, als ein paar Minuten an der Fahrzeit einsparen.

    Die Strecke nach Prag ist recht ok (und ich fahr da oft), der Zug fährt gefühlsmäßig schnell, sowohl bei uns als auch in Tschechien. Problematisch war eigentlich nur das kaputte Stellwerk letztes Jahr. 8x pro Tag kommt man ohne Umsteigen nach Prag. Das reicht mir ehrlichgesagt. Wenns unbedingt eine andere Zeit sein muss: So schlimm ist umsteigen auch nicht – vorausgesetzt man weiß, wie Prag auf tschechisch heißt. 🙂

    Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass Manager sich heutzutage nicht mit dem Produkt identifizieren können. Es sind bei der Bahn keine Leute am Werk, die als Kind schon gern Bahn gefahren sind, ne Spielzeugeisenbahn hatten, und einfach gerne Bahn fahren. Ich stell jetzt mal die Behauptung auf, dass es dem durchschnittlichen Manager völlig blunzen ist, ob die Firma, die ihm sechsstellige Summen überweist, Züge durch die Gegend schickt, Monatsbinden herstellt, oder die Donaustadt zupflastert. Da braucht man sich auch nicht wundern, wenn mit Grundstücken in Russland spekuliert wird, anstatt dass das Bahnnetz ausgebaut wird.

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  5. Think bigger! Warum nicht „TGV-artige“ Verbindungen fuer ganz Europa? Von Paris sinds ca 1:30 nach Bruessel (im TGV), ca 2:30 nach London und ca 3:30 nach Amsterdam.
    Das ist jeweils wesentlich schneller als mit dem Auto und (zumindest bei Bruessel und London) weniger als man fuer zum Flughafenfahren, einchecken, etc (also das rundherum, ohne Fliegen) braucht.
    Ja, klar das ist alles flacheres Land als Oesterreich, aber zwischen von Wien nach Muenchen oder Budapest muss man ja nicht unbedingt ueber den Alpenhauptkammfahren 😉

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  6. Ihr Artikel „think big“ ist mir aus dem Herzen gesprochen!
    Ein Europäisches Bahnnetz hätte
    erstens den großen Vorteil der CO2 Einsparung, denn laut VCÖ (Verkehrsklub Österreich) würde bei Strecken unter 500 km sogar ein Hochgeschwindigkeitszug nur 1/7 CO2 des Flugverkehrs pro Person erzeugen. Auch für Strecken unter 1200 km wäre die Einsparung sicher noch beträchtlich.
    Zweitens hätten in Wien hunderttausende (in Europa sicher 10x mehr) Fluglärm geplagte Menschen endlich Ruhe vor dem Donner von oben. Bekanntlich hilft- im Gegensatz zum Zugverkehr – keine Schallschutzwand gegen den Lärm des Luftverkehrs.
    Drittens: auch die Volkswirtschaften/Krankenkassen hätten Nutzen, denn neuere epidemologische Studien (kürzlich große Studie von Dr. Eberhard Greiser!) zeigen überzeugend, dass Fluglärm, auch schon in geringeren Mengen, krank macht.
    Mit herzlichem Dank für diesen guten Denkanstoß und besten Grüßen,

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  7. Kleine Poliker ganz gross Der segensreiche Nebeneffekt des vermehrten Bahnfahrens wäre jedenfalls eine Reduktion des Flugaufkommens über Wien. Gerade das aber wird politisch forciert: Weil es grosser Flughafen selbst kleine Politiker gross erscheinen lässt? Oder schlicht weil sowohl Wien als auch Niederösterreich als Jauptaktiönäre an der netten Budgetauffrischung aus den Dividenden interessiert sind? In schöner rot-schwarzer Einigkeit.

    Aus gleichem Grund passiert ja auch nichts zB um gar den Flughafen an einen sinnvolleren Ort zu verlegen als wo er zufällig von den Besatzungsmächten hingebaut worden ist – weil dann Wien nicht mehr mitschneiden könnte? Grübel, grübel …

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  8. Die Bahn kann´s ja, wenn sie will. Der Nachtzug Wien – Rom zB ist optimal, es gibt nichts Schöneres, als sich am frühen Morgen durch die sanfte Landschaft der Stadt zu nähern, dann auszusteigen und gleich mitten im Zentrum zu sein!
    Dass zB der Kurswagen nach Bologna abgeschafft wurde, müßte natürlich schleunigst rückgängig gemacht werden.
    Zug statt Flug und die weitgehende Abschaffung aller Business-Flüge und nur noch Videokonferenzen – gleich ging`s unserer Umwelt besser…

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  9. Man soll die Bahn nicht schlechter machen als sie ist Das „jeder“ sofort an Auto und Flugzeug denkt, wenn er von einer Stadt in eine andere will, ist ganz einfach nicht wahr. Es gibt durchaus auch ordentliche Verbindungen mit der Bahn. Übrigens ist auch nicht jeder Zug verspätet, nicht immer schlechtes Service usw.usf.

    Wenn man die typischen Vorurteile gegen die Bahn immer wieder unreflektiert wiederholt, tut man der Bahn sicher nichts Gutes. Gleichzeitig ist klar: wo es ordentliche Angebote gibt, fahren sehr viele Menschen mit der Bahn. Sowohl im Nahverkehr (z.B. neue S-Bahn Steiermark) als auch im Fernverkehr (z.B. Paris-London).

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  10. If you can’t beat them, join them.

    Wie wäre es mit Tempo 130 für Autobusse?

    Die Flüge erübrigen sich durch Peak Oil von selber. Bloß wird dadurch die Bahn nicht besser.

    Ab 2011 wird die Bahn liberalisiert. Vielleicht traut sich ja ein Privater da drüber.

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  11. Guter Gedanke, Herr Chorherr!

    Zugfahren ist sensationell. Nach 13 Jahren habe ich wieder eine Vorteilscard (als Autobesitzer) und entdecke die Vorteile der Bahn voll und ganz neu, und meistens noch mein Fahrrad mittransportierend. Wer heute noch autofährt, handelt unverantwortungsvoll, und wird einmal nicht sagen können, „wir haben das damals ja nicht gewusst“.

    Letztes Jahr mit dem Schlafwagen nach Bukarest unterwegs gewesen, am Abend boarden, am nächsten Tag entspannt und ausgeschlafen und vor allem sicher in Bukarest. Reisen wird wieder interessant und schön.

    Zu hinterfragen scheint mir das Kriterium der Geschwindigkeit. Jemand, der Auto fährt, hat offensichtlich genug Zeit, um Auto zu fahren. Die Zeit im Auto verstreicht ungenützt. Im Zug kann ich lesen, schlafen, entspannen, essen.
    Laut Prof Knoflacher werden die Wege länger, je höher die Geschwindigkeit wird, aber die Mobilität wird dadurch nicht erhöht.
    Pendler sind hier eine Sparte für sich: wer zulange zur Arbeit fährt, hat seinen Arbeits- oder Wohnort schlecht gewählt. Er hat sich für einen Mangel entschieden, den er durchs Pendeln zu kompensieren gezwungen ist.

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