Wo Wien Kopenhagen schlägt

meine dieswöchige falter – Mobilitätskolumne:
“Copenhagenize your city”, so lautet rund um den Klimagipfel ein Schlachtruf, der völlig zurecht die dänische Hauptstadt als Vorbild preist.
36 % aller Wege werden dort mit dem Fahrrad zurückgelegt, mehr als mit dem Auto, und die Stadt hat ehrgeizige Pläne vorgelegt, diesen Wert noch zu steigern.
“Copenhagenize” rückt zurecht städtische Verkehrspolitik ins Zentrum. Weltweit lebt bereits die Hälfte der Menschheit in Städten; deren Verkehrsverhalten wird maßgeblich darüber entscheiden, ob die große Energie- und Klimawende, die alle beschwören, gelingen kann.
36% Radverkehr in einer Großstadt sind ein beachtlicher Wert. München ist auch nicht schlecht, und weist 15 % auf, Wien`s 6% sind schlicht erbärmlich.
Und doch gibt es da in Wien etwas, das Kopenhagen weit hinter sich läßt.
“Es” feiert dieser Tage seinen zehnten Geburtstag.
“Es” wird jährlich von Gästen und Neugierigen aus allen Teilen der Welt besucht, die wissen wollen, wie “soetwas” möglich ist.
Das offizielle Wien jedoch wird auch diesen runden Geburtstag kaum zu würdigen wissen.
Denn “es” zeigt, daß eine völlig andere Verkehrs-und Stadtplanungspolitik möglich wäre.
“Es” heißt autofreie Siedlung, und der Ordnung halber füge ich hinzu, daß ich den objektiver Berichterstatter schwerlich mimen kann, war ich nicht nur maßgeblich an der Durchsetzung dieses Experiments beteiligt, sondern ebenso im permanenten Bemühen bin, dieses kleine, schlicht unglaubliche Stück “Stadt der Zukunft” in die große Breite zu führen.
Aber auch ein Liebhaber darf ein Lied singen.
Die Fakten sind kurz erzählt.
Autofreiheit heißt hier in Floridsdorf: Statt 250 Wohnungen mit 250 teuren Tiefgaragenplätzen auszustatten wurden 90% einfach nicht gebaut.
Die Odyssee zu schildern, solches im Wiener Garagengesetz zu ermöglichen, ergäbe ein Buch.
Das dadurch freiwerdende Geld, weit mehr als 1 Mio Euro wurde in großzügige Freiräume, allgemein zugängliche Dachgärten, eine Sauna, ein Kinderhaus, eine Radwerkstätte, ein Fitnesscenter, einen Veranstaltungssaal, Mietergärten und viele andere Gemeinschaftseinrichtungen investiert.
Im Gegenzug verpflichteten sich die Mieter vertraglich, kein eigenes Auto zu besitzen, sondern das Rad und den öffentlichen Verkehr, sowie car-sharing Angebote zu nutzen.
Schon vor Baubeginn wurde ein umfassender Mitbestimmungsprozeß initiiert.
Es bildeten sich eine Reihe von Gruppen, welche die Verantwortung über die unterschiedlichen Gemeinschaftseinrichtungen übernahmen.
Das ließ eine ganz spezifische Kultur in der “autofreien” entstehen: eine intensive Nachbarschaft, welche insbesondere Kinder zu nutzen und zu geniessen wußten.
Denn Kinder wollen vor allem eins: andere Kinder. Sie brauchen Platz, um zu sich selbstbestimmt und sicher zu bewegen. Beides ist in der “autofreien” reichlich vorhanden.
So hat die wahrscheinlich interessanteste Bilanz dieses Pilotprojektes weniger mit dem Auto zu tun, als mit der Tatsache, daß dort deutlich mehr Kinder geboren wurden als in vergleichbaren Siedlungen, wo mehr oder wenig isolierte Kleinfamilien schon mit ein oder zwei Kindern ziemlich überfordert sind.
Eine kinderfreundliche Nachbarschaft entlastet enorm.
Einigen der gewachsenen Familien wurden jedoch ihre Wohnung zu klein.
Wie gut, daß in der unmittelbarer Nähe weitere Wohnhäuser geplant wurden. Eine initiative “Miss Autofrei” bemühte sich sehr darum, das offensichtlich erfolgreiche Modell auch dort anzuwenden.
Aber v.a. vom Bezirk gab es ein heftiges Veto. “Soetwas” komme nicht nocheinmal.
Denn “soetwas” funktionierte nun mal nicht.
Denn obwohl erst jüngst eine von der Stadt selbst beauftragte Studie eindeutig ergab, daß die überwältigende Mehrheit der Bewohner in der “autofreien” tatsächlich auch heute noch kein Auto besitzen, darf “das” einfach nicht sein.
Wie brachte dieses Bewußtsein vor gut zehn Jahren ein inzwischen pensionierter Beamter auf den Punkt: Bei einer Diskussion über die Besiedelungsmodalitäten kam der Vergleich zum damals so genannten “frauengerechten Wohnen” auf.
Seine Replik werde ich nie vergessen: “Eine Siedlung ohne Männer kann ich mir ja vorstellen, aber mit Sicherheit keine ohne Autos”.
Copenhagenize Vienna!
Noch einmal, weils so schön ist: Radanteil Kopenhagen 36%.Wien 6%. Autofreie Siedlung: 56%

8 Gedanken zu “Wo Wien Kopenhagen schlägt

  1. „Im Gegenzug verpflichteten sich die Mieter vertraglich, kein eigenes Auto zu besitzen, sondern das Rad und den öffentlichen Verkehr, sowie car-sharing Angebote zu nutzen.“

    Da muss selbst ich erst einmal schlucken 😉 Kein wunder, dass da der gelernte Österreicher ert einmal Nein schreit.
    Aber warum nicht. Es wird ja niemand gezwungen in so einer Siedlung zu wohnen, und ein Erfolg war es gerade deswegen.

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  2. Reichgaragenordnung Unser heutiges Gesetz, das zur Schaffung von Garagenparkplätzen zwingt, basiert auf dem „Reichsgaragengesetz“ aus der Nazi-Zeit, das ganz selbstverständlich von der 2. Republik übernommen wurde. Damals galt zunehmende Motorisierung als Fortschritt – und die Betonköpfe haben immer noch nicht verstanden, wie viel urbane Kultur durch das Auto vernichtet wird. Eine Stadt ist eben keine Maschine, sondern ein Lebewesen – auch wenn das viele noch nicht kapiert haben.

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  3. Erfahrungsbericht Also der Erfahrungsbericht einer Anrainerin, die in unmittelbarer Nähe der Siedlung wohnt, zeichnet ein anderes Bild. Die meisten Bewohner der sogenannten autofreien Siedlung haben sehr wohl ein Fahrzeug und verparken damit die umliegenden Straßen. Dass die Studien ein anderes Bild zeichnet, liegt daran, dass das Auto – m die Verträge nicht zu verletzen – halt ein Firmenauto ist, auf einen Verwandten zugelassen ist usw. Soviel zu Theorie und Praxis.

    Ich möchte nicht die Idee an sich schlecht machen. Aber der Standort eines solchen Projekts sollte halt so gewählt werden, dass auch wirklich in annehmbarer Gehweite kein eigenes Auto zur Verfügung stehen kann. Am Flugfeld Aspern könnte ein solches Projekt vielleicht klappen. Aber wie gesagt, es muss dann nicht nur die Siedlung selbst, sondern auch das Umfeld darauf ausgelegt sein.

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  4. Überholte Stadtplanung in Wien Danke für diesen Text. Wohnen vom Auto zu entkoppeln ist für unsere Städte eine der wichtigsten Aufgaben um menschenfreundliche Städte zu gestalten. Da sind viele Städte bereits weiter als Wien. Übrigens: Ach die integrative Funktion von Städten ist maßgeblich daran gekoppelt.

    Bei der Seestadt Aspern wird gerade eine große Chance für eine richtige Öko-City vergeben, ebenso bei der Bahnhof-City. Das tut echt weh. Längst fällig ist auch ein Gründerzeit-Grätzel als Pilot-Projekt das mit Sammelgarage von Pkw befreit wird. Ich glaube da hinkt die Stadtplanung der Bereitschaft der Bevölkerung echt hinterher.

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  5. „Schärfer als die schärfste Kritik ist die konkrete, erlebbare Alternative“ Das vertragen die Benzin – Giftler eben nicht, dass man sie als abhängige Junkies dastehen lässt !
    Das ist ja nichts neues für einen Alltagsradler, das bekommt man ja oft genug zu spüren (wenn man nicht so ein Alpha – Verhalten an den Tag legt, daß sich die Blechis nicht trauen…).

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  6. ich würd mir in Wien wünschen, dass manche Straßen nur mehr für Fahrräder, Mopedfahrer, Lieferverkehr, öffentlicher Verkehr und Rettung/Polizei/Feuerwehr/… befahrbar wären. Kann man leicht mit so steuerbaren Balken machen. So könnte man ein gscheites und umfassendes Radnetz mit echtem „Highway“ Charakter durch ganz Wien etablieren.
    Die Fußgänger würden damit auch viel profitieren, weil sie ihren Gehsteig wieder komplett zurückgewinnen. (Wieso müssen Radparkplätze am Gehsteig sein? Wieso ist der Radweg am Gehsteig?)
    Und fürs Klima wäre das auch von Vorteil.

    Die Autos haben eh genug (mehrspurige) Straßen nur für sich alleine (auch in Wien).

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  7. @cc – fragen lieber cc,
    ich würde mir wünschen, dass du dich mal mit der bausubstanz der autofreien siedlung beschäftigst. das scheint mir nämlich ziemliche billigbauweise zu sein, die probleme/mängel (wassereintritt, einfach billige und damit anfällige baustoffe) sind nicht ohne. seit dem tag eins gibt es ziemlich viele mängel, davon schreibst du nichts. das ist mehr als schade.
    die beste idee, die überzeugensten argumente nützen nichts, wenn die ausführung mehr als mangelhaft ist.
    mich würden deine gedanken dazu wirklich interessieren, danke!
    lg eine freundin der
    autofreiheit

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  8. KFZ’s – das Böse ? Ich bin mal Optimist: In dieser Siedlung hat keiner ein Auto.

    Ich bin Realist: die Geschichte mit den Firmenwagen etc. klingt plausibel genug um ihr unabhängig nachzugehen, Umfragen zu einem Thema wo man zu einer bestimmten Antwort eigentlich gezwungen ist vertraglich, sind allerdings sowieso wertlos.

    Ausserdem kommt dort wohl der Installateueerbetrieb sicher auch nicht mit dem Fahrrad, der lässt sein Auto bloss davor stehen, schnappt sich seinen grossen Koffer samt Ausrüstung und verrechnet der Kundschaft 15 Minuten extra fürs hin und herspazieren. Möbeln werden sicher auch nicht in der U-Bahn transportiert, also komplett Autofrei ist mal wieder nur grünes Wunschdenken ohne Realitätsbezug.
    @Fahrradfahren: Viel Spass mit dem Fahrrad, bei 36% Fahrtenanteil müssen jetzt wohl auch viele Kopenhagener bei -1°C unterwegs sein, die es laut Internet dort gerade hat, ich arbeite als Stadtbewohner damit ich nicht bei -1° im Freien sein MUSS, was ich als Hobby oder „Sport“ mache ist natürlich etwas anderes.

    PS: Die 36%, die ich spontan auch in einer VCÖ-Studie gefunden habe, sind der Anteil der FAHRTEN, Kilometermässig ist das also tendenziell ein weit geringerer Anteil, klingt so aber wohl schöner. Kopenhagen hat auch 20% der Wienerfläche, aber über 30% der EInwohner, sprich alleine die höhere Bebauung und geringerer Stadtgrösse hilft – im Dorf fährt man auch in Österreich viel mit dem Rad, stark überspitzt formuliert.

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