Das Gefährt des Übermenschen

und schon wieder eine Adoration:
meine Mobilitätskolumne im aktuellen falter

Wendelin und Florian Fortner und das Objekt der Begierde
Gewisse Empfindungen kann man kaum beschreiben, man muß sie erfahren. Buchstäblich.
Wenn Du einmal auf so einem Fahrrad gesessen bist, weisst Du, diese Technologie hat eine ganz große Zukunft.
Besonders bergauf wird man zum “Übermenschen”.
Du trittst ganz zart in die Pedale, und wie durch Zauberkraft vervielfältigt sich Deine Kraft.Eine noch nie erlebte Beschleunigung bringt Dich innerhalb weniger Sekunden auf empfundene 30km/h, und das bergan.
Als Marshall McLuhan, der grosse Medientheoretiker einmal gefragt wurde, warum er nicht Auto fährt und keinen Führerschein besitzt, war das seine Antwort:
„Weil das Auto den Fahrer zu einem Servomechanismus degradiert, der die Verbindung zwischen Servobremse und Servolenkung billig herstellt.“
Das Rad hingegen ist eine, wie McLuhan sagt, „Extension“, Verlängerung/Verstärkung der Beine, es wird zu einem Körperteil. Der Unterschied könnte drastischer nichts sein: Das eine – das Rad – macht eine Art Supermenschen, das andere – das Auto – treibt den Menschen aus und degradiert ihn zu einer Teilmenge der Maschine.
Dabei kannte McLuhan diese Pedelecs nicht. Pedelecs (Pedal Electric Cycle) sind geniale Elektrofahrräder, welche die menschliche Kraft am Pedal messen und dann über einen kleinen Elektromotor vervielfältigen.
In den Niederlanden werden sie schon in großen Mengen verkauft, bei uns steht der Boom noch bevor.
Pedelecs erweitern die Einsatzmöglichkeiten des Fahrrades beträchtlich.
Für den täglichen Gebrauch des Rads sind steile Hügel für viele zu abschreckend. Mit dem Pedelec fliegt man mit empfundener Rückenwind geradezu bergauf.
Auch älteren Menschen, denen längere Strecken bereits zu schaffen machen, ermöglicht der kleine Motor des Pedelecs die weitere Fahrradnutzung.
Pedelec, das ist kein bestimmtes Fahrrad. Es ist ein Prinzip. Man muß es einfach ausprobieren. Zum Beispiel bei Wendelin und Florian Fortner in der Kaiserstrasse in Wien Neubau.Die beiden Twens kommen aus der Steiermark, haben Industriewirtschaft bzw industrielle Elektronik studiert und betreiben das Geschäft “Elektrobiker”.
Dort kann man sowohl aus den verschiedensten Pedelecs auswählen, als auch sein eigenes Rad auf Pedelec umrüsten lassen.
Im Regelfall hat der Elektromotor 250 Watt. Nur zum Vergleich, ein Kleinwagen braucht ca die 200fache Antriebsstärke, kein Wunder bei einer Tonne oder mehr. Man sieht den Motor nicht, er ist in der Radnabe verborgen. Die Batterie wiegt 1,5 kg, steckt versperrt am Rahmen und ist in zwei Sekunden heruntergenommen, um sie zu Hause oder im Büro aufzuladen. Die realistische Reichweite, die natürlich je nach eingestellter Unterstützungskraft variiert liegt bei jedenfalls 40km, die jedoch bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt deutlich, bis zur Hälfte sinkt.
Eine EU Norm legt fest, dass ein Pedelec solange rechtlich ein Fahrrad bleibt, als es elektronisch bei 25km/h abriegelt. Man muss jedoch kein Prophet sein um sich vorzustellen, wie Verkehrspolizisten überfordert sind, um zu überprüfen ob der Pedelecnutzer die maximale Höchstgeschwindigkeit auf 32km/h umprogrammiert hat.
Wer so ein Fahrad legal schneller fahren möchte, was technisch kein Problem ist, muss es als Moped anmelden.
Die Gesamtgewicht des elektrischen Antriebs (Motor, Batterie, etc.) liegt bei ca 9 Kilogramm, und kostet als Umrüstsatz, je nach Qualitätsanforderung ab 1150 Euro.
Fertige ausgestattete “vernünftige” Pedelecs, beginnen bei Preisen von 1500 Euros.
Jedenfalls ist es empfehlenswert, zur sorgfältigen Auswahl Zeit zu investieren, sich sowohl gut beraten und v.a. verschiedene Modelle auszuprobieren.
“Drehmomentsensor” oder “Drehzahlsensor” klingt entsetzlich technisich, macht aber einen riesigen Unterschied. Beim ersterem greift der Elektromotor sofort, bei zweiterem erst, nachdem die Pedale ein bis zwei Umdrehungen gemacht haben. Hier hilft eine händisch gesteuerte Anfahrtshilfe.
Man sieht, Erklärungen wirken hilflos. Surfen versteht man nur wirklich, wenn man einmal am Brett steht, und die Kraft des Windes in den Armen spürt.
Das Pedelec muss man ebenso “spüren”, und wird sich seiner Faszination nicht entziehen können.
Pedelecs testen:
Elektobiker
1070 Kaiserstrasse 77
0664 2104122

8 Gedanken zu “Das Gefährt des Übermenschen

  1. Super! … aber Man kriegt richtig Lust sein Rad zu nehmen in die Kaiserstraße zu fahren und es umrüsten zu lassen.
    Allerdings löst das Pedelec nicht das Hauptproblem des Fahrrads als Verkehrsmittel in der Stadt: Vandalismus & Diebstahl. Ich fürchte, dass die Pedelecs sogar noch mehr zum Opfer werden könnten. Wir brauchen versperrbare Radboxen bei den wichtigsten Umsteigeknotenpunkten etc.

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  2. Dynamo vs Motor Was der Artikel nicht erwähnt: Am interessantesten erscheint mir ja, dass die Batterie bei Bergabfahrten auch wieder aufgeladen wird (Dynamo) und man dann die zusätzliche Energie beim bergauffahren wieder nutzen kann (Motor).

    Zumindest bei den BionX Modellen, die es hier in Brüssel gibt, scheint das so zu sein: http://www.bionx.ca/products/

    Wäre schön, wenn es für dieses System auch staatliche Prämien gäbe. Würde mehr Sinn machen als Verschrottungsprämien. Auch Werbezuschüsse wären ein interessanter Ansatz. Stellt euch nur vor, 5% der Werbeflächen wo jetzt Autos zu sehen sind wären in Zukunft Elektrobike-Werbungen 🙂

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  3. Pedelecs … … sind ein Hit, werde mir selbst eines zum 40er (also in 2 Jahren) gönnen :-)! Hab mal eines (Biketec’s Flyer) am Klopeiner See getestet, Berge schmelzen da echt dahin. Leider sind die Preise ja noch extrem abschreckend, aber ich hoffe auf einen großen Boom und damit auf sinkende Preise + ggf.Förderungen (Politik!?).

    ad Rekuperation bei den Pedelecs (BionX): Ja, prinzipiell tolle Sache, aber bei Bikes dzt. noch rel. ineffizient, bringt in der Praxis max. 5-10% Reichweitengewinn.

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  4. Nennts mich ruhig eine Kassandra, aber ich sehe ein Problem, das durch die maximale Geschwindigkeit von 25 km/h nicht abgedeckt ist: das Fahrverhalten in FuZos sowie bei gemischten Geh/Radwegen.

    Diese Flächen sind nur für eine behutsame Fahrweise geeignet. Die Obergrenze der „Schrittgeschwindigkeit“ dürfte rechtlich bei 7-9 km/h liegen, de facto wird es toleriert, auch ein paar km/h mehr draufzulegen, solange du das intelligent machst und keinen FusgängerInnen gefährdest oder stresst.

    Mit so einem Elektroding schiesst aber jeder unerfahrene Lenker ziemlich raketenartig von 0 auf 20 und das kann schon, wenns ungeschickt geht, sehr lästig werden.

    Ich hoffe halt nur, dass hier keine neue Spezies von Elektroradrowdy in Erscheinung tritt und unsere manchmal prekäre Erlaubnis, diese Flächen mitzubenutzen, nicht in Gefahr bringt.

    Irgendwas werden wir uns überlegen müssen, denn kleine Elektrofahrzeuge werden noch massiv zunehmen – was sehr fein ist, solange sie Autofahrten ersetzen. Böse wärs aber, wenn der Autoverkehr keinen cm zurückweicht und Elektroflitzer einfach in den gleichen Raum, wo sich Fussgänger und Radler eh schon miteinander schwer tun, hineingedrängt werden.

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  5. Elektro-Porsche für den Übermenschen? Guter Überblick zum Stand der Diskussion in Wien: Fahrrad als Alltagsfahrzeug.

    Da wird ein Rad ohne Kotschützer, Gepäckträger und Licht, mit einem grauenhaft grossen, auffälligen Motor, zum Gefährt des „Übermenschen“ hochstilisiert.

    Zum Glück gibts auch Firmen in Wien, die Alltagsmobilität ernst nehmen, und sich zum (richtigen) Gedanken der Elektrounterstützung auch noch Gedanken machen, wie zb Regenschutz aussehen kann, wie man Lasten oder weitere Personen transportiert, wie man vermeidet, dass der Akku im Winter um 50% eingeht, etc.

    Eine wurde hier eh schon genannt, http://elfkw.at, sehr empfehlenswert: Kleine, sehr unauffällige Motoren, viele Lastenräder im Programm: Gelebte Alltagsmobilität, die wirklich fossile Fahrten ersetzt, statt „Flitzer für Übermenschen“. Es gibt schon Spielzeuge genug.

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