müssen wir eine Religion gründen?

Jetzt bekommen wir in Österreich eine 14. staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft.

Ich nehme das, und die daraus resultierenden (finanziellen!) Konsequenzen nicht zur Kenntnis!
Mein Kommentar dazu im aktuellen standard.
hier im Volltext:
Irgendwann gibts den berühmten Tropfen. Jenen, der das Fass zum Überlaufen bringt.Der Tropfen bildet sich leise und unauffällig, aber dann…
Während sich die heimische Bildungsdebatte auf die Frage beschränkt, ob Lehrer ein oder zwei Stunden länger arbeiten sollten, als ob das irgendetwas an der Qualität der Schulen ändern würde, bleibt eine “himmelschreiende” Unbgleichbehandlng, nein Ungerechtigkeit unangestastet.
Es geht dabei um die ziemlich relevante Frage, wer als Gründer und Träger einer Privatschule damit rechnen darf, vom Staat die Lehrer bezahlt zu bekommen.
Gründer und Träger einer Schule bestimmen die Grundausrichtung der Bildung, nehmen also massgeblich Einfluss auf die Entwicklung der ihnen anvertrauten Kinder.
Der Staat entscheidet dadurch, welche Schulen er finanziell unterstützt im gewaltigen Ausmass darüber, welche Privatschulen es überhaupt gibt.
Diese Unterscheidung ist bisher in Österreich eindeutig. Schulen, deren Träger eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft sind, erhalten ihre Lehrerkosten, diese betragen nahezu 90% der Gesamtkosten , aus allgemeinen Steuermitteln ersetzt.
Freie Träger, die keine Religiosgemeinschaft sind, erhalten nahezu nichts, haben jedenfalls keinerlei Rechtsanspruch.
Drum gibt es in Österreich vor allem “religiös orientierte” Privatschulen, katholische und muslimische, evangelische und jüdische, jedoch wenige säkulare.
Rechtsgrundlage dieser Ungleichbehandlung ist das Konkordat, ein Vertrag zwischen dem Staat und der katholischen Kirche, 1933 von Bundeskanzler Dollfuß abgeschlossen; dadurch erhielt die katholische Kirche im Sinn des „christlichen Ständestaats“ wesentlichen Einfluss vor allem auf Schule und Eherecht.
1962 wurden katholischen Privatschulen erstmals regelmäßige Subventionen durch die Übernahme von 60% der Personalkosten vom Staat zuerkannt; seit 1971 werden diese zur Gänze vom Staat getragen. Um Konflikte mit anderen Religionen zu vermeiden gilt diese Kostenübernahme für alle anerkannten Religionsgemeinschaften.
Und jetzt kommt, derzeit von der Öffentlichkeit unbemerkt der Tropfen:
Es scheint sicher zu sein, dass demnächst die Zeugen Jehovas vom Bildungsministerium zu 14. anerkannten Religionsgemeinschaft erklärt werden, denn sie dürften die dafür notwendigen gesetzlichen Veraussetzungen erfüllen.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Wer warum welche Religion ausübt, ist in einem freien Land jedermanns Privatsache.Und ob jemand mit dem “Wachturm” in der Hand an Türen klopft ist eine persönliche Entscheidung.
Darum geht es nicht. Durch die Anerkenntnis als staatliche Religionsgemeinschaft erhält diese eindeutige Privilegien, insbesondere jene, bei allfälliger Schulgründung ihre Kosten aus öffentlichen Mitteln ersetzt zu bekommen.
Eigentlich müsste man jetzt aufschreien: Was ist das für ein Staat?
Warum erhalten Schulträger, deren Wertebasis die allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist keinerlei Unterstützung? In Zukunft jedoch bezahlen wir alle Schulen der Zeugen Jehovas, die Bluttransfusionen ablehnen, sich explizit gegen die Evolutionslehre wenden, weil sie ihrer Meinung nach vom Wort der Bibel abweicht, und glauben die Sintflut hätte 2370 v. Chr. stattgefunden.
Nochmals: Was ist das für ein Staat? Was ist das für eine Heuchelei, hier von einer Trennung von Kirche und Staat zu sprechen, wenn diese in einem Kernbereich, der Bildung derart eklatant missachtet wird.
Müssen wir Träger freier Schulen wirklich, allenernstes, um die Absurdität dieser Regelung zu demonstrieren und eine faire Finanzierung unsere Schulen zu erhalten, eine Religionsgemeinschaft gründen?
Wir haben das Gesetz gelesen.
Wir “glauben” an die Menschenrechte. Wie steht es im § 1 des Gesetzes zur Anerkennung von Religionsgesellschaften:“daß ihre Religionslehre, ihr Gottesdienst, ihre Verfassung, sowie die gewählte Benennung nichts Gesetzwidriges oder sittlich Anstößiges enthält”.
Wenn es sein muss könnten wir soetwas nachweisen.
Und ich bin sicher ebenso 2 Promille der Bevölkerung zu finden(soviel braucht gemäss Gesetz eine Religionsgemeinschaft, um anerkannt zu werden), die die Abschaffung dieser unsäglichen Verquickung von Staat und Religion unterstützen und dieser “Religion” beitreten.
Ein passender Ritus fällt uns zur Not ebenso ein, wie wir den §11 erfüllen könnten, eine “positive Einstellung gegenüber Staat und Gesellschaft”.
Ist Österreich wirklich “so”, dass wir diesen Weg gehen müssen?
edit:
Harald Walser, unser Grüner Bildungssprecher hat im NR einen Antrag eingebracht, welcher die finanzielle Gleichstellung konfessioneller Privatschulen mit jenen freier Trägerschaft zum Ziel haben.
Bisher winken SPVP eher ab.
Frage:
Regt das alles nur mich auf, oder gibts für dieses Thema Mitstreiter/innen, Ideen?

17 Gedanken zu “müssen wir eine Religion gründen?

  1. der text ist einfach nur: „göttlich“.

    für mich der beste, der hier bisher veröffentlicht wurde.

    es braucht gar keine weiteren ideen. gründen wir diese religionsgemeinschaft, die offen ist für praktisch alle konfessionslosen österreichs (oder sogar darüber hinaus? kann man eigentlich mitglied zweier religionsgemeinschaften sein?)

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  2. … Das regt mich genauso auf wie Eva Glawischnig und Michela Sburny. Und mit zweiteren möchte ich es erst mal sehen ob wir das Thema hochkriegen.

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  3. cc, ausgezeichneter Kommentar – da hast Du sicher einige auf Deiner Seite.

    Obschon ich die Variante mit der Beendigung der Bevorzugung von Religionsgemeinschaften und Gleichstellung aller privaten Schulinitiativen der Gründung der W@lz-Religion vorziehe ;-).

    Öffentliches Engagement gegen Verquickung von Staat und Religion war bislang ja nicht gerade grünes Thema – das hat sich bislang nur Heide Schmid gewagt.

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  4. Ja und wo… … kann ich jetzt dieser Religionsgemeinschaft beitreten? Der Einfachheit halber würd ich ja gleich den Pastafarianismus (http://de.wikipedia.org/wiki/Fliegendes_Spaghettimonster) vorschlagen, der braucht nicht neu gegründet zu werden, auch die Jedis find ich recht witzig. Nachdem ich momentan sowieso Gott- und konfessionslos bin – aber im Ernst, ich wär dabei!

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  5. Man lernt nie aus 😉
    Soviel zum them „Privatschule“ *g*
    Lustig, dass der HC da noch nicht aufgesprungen ist *gg*

    Ich bin jedenfalls dabei bei der neuen Religion…

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  6. laizismusinitiative Christoph,
    ich durchschaue nicht ganz, ob du nur mehr Geld für deine Schule
    willst, oder ob dein Anliegen wirklich auch die Trennung von Staat und
    Religion ist. Sollte dem so sein, dann hast du bereits 2.112
    MitstreiterInnen. Siehe http://www.laizismus.at
    Wenn du willst, dass da was weitergeht, dann unterschreib die
    Petition, bau das Widget auf deiner Site ein und verbreite die
    Initiative.
    Oder du versuchts einfach die Grünen von innen heraus zu ändern (haha).
    Alles Gute
    Niko

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  7. Gute Idee Lieber Christoph Chorherr,

    das ist ein gut argumentierter Artikel. Ich wäre bei der Gründung einer Gruppe zu solch einer „Religionsgemeinschaft“ gerne dabei. Kannst mich gerne kontaktieren via Email blue.alex@gmx.net

    Mit besten Grüßen!

    Alexander Blüml

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  8. Wenn eine Religion notwendig ist, um unabhängige Privatschulen zu gründen, dann bitte: Machts eine Religion! Ich seh da kein gr0ßes Problem, ehrlich gesagt. Wie schwierig & teuer ist sowas?

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  9. was da noch alles kommen kann… Neben den – aus meiner persönlichen SIcht – recht seltsamen Wachttürmen und Erwachten Zeugen Jehovas gibt es ja tatsächlich noch eine Menge anderer aufstrebender Bekenntnisgemeinschaften mit Glaubensrichtung-Charakter.

    Siehe Laizisten oder auch die zunehmend aktiven und verlinkten Atheisten ( http://www.atheistische-religionsgesellschaft.at/ ). Mal schau’n, ob es eine von diesen nicht tatsächlich in absehbarer Zukunft schaffen wird, ausreichend Anhänger zu finden, um die erforderlichen Formalkriterien für die Anerkennung zu erfüllen!

    Und ich möchte hinzufügen: Sowohl die Atheisten, als auch die Laizisten sind mir um Eckhäuser lieber, als die – wiederum aus meiner persönlichen Betrachtungsweise – oftmals fanatischen Zeugen, die das freie Denken in so vieler Hinsicht hinter indoktriniertem Glauben verbergen, dass es mir die Nackenhaare aufstellt…

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  10. Ich bin mir nicht sicher, ob ich einer „Atheistischen Religionsgemeinschaft“ beitreten würde – so sehr ich das Anlegen unterstütze. Das Ganze hat (nicht zuletzt durch das Wort „Religion-“ und nicht „(Un)glauben-„) eine Art ungewünschten Anpassungseffekt – nicht, dass lediglich eine Lobby für Ungläubige und Agnostiker geschaffen wird (das wäre ja vollkommen in Ordnung und wichtig), es muss ja leider eine Religionsgemeinschaft sein, damit die entsprechenden Personen zu ihren Rechten kommen.

    Denn das ist doch genau das, was an dem System falsch läuft: Dass erst durch ein offizielles (d.h. staatlich anerkanntes) Netz von glaubensähnlichen Individuen bestimmte Rechte entstehen, anstatt die Religion einfach als Privatsache zu definieren und keinerlei staatliche Zuschüsse für auch nur irgendeinen Auswuchs des Glaubens freizugeben. Als säkularer Atheist will ich nicht Geld für humanistische Privatschulen – ich will, dass katholische, evangelische, jüdische, muslimische oder jehovazeugende Privatschulen ihre finanziellen Mittel selbstständig von ihren Schäfchen sammeln müssen, bei der Aufstellung ihrer Schule aber wiederum völlig freie Hand haben.

    In diesem Sinne halte ich die Laizismus-Initiative für den ersten, wichtigen Schritt. Man muss sich nicht als Atheist oder Agnostiker definieren, um für ein laizistisches Österreich guten Gewissens eintreten zu können – man sollte auch nicht einer Religionsgemeinschaft beitreten müssen, um Gleichberechtigung zu schaffen. Kirchen und Glaubensgemeinschaften sollten einfach nur als Privatvereine gehandhabt werden, ohne staatliche Unterstützung, dafür ihrerseits wiederum mit Handelsfreiheit. So wäre ein echter Wettbewerb garantiert, was der Bildung humanistischer Privatschulen sicherlich auch zugute käme.

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  11. Die staatliche Unterstützung Ich bin total auf deiner Seite. Ich finde die staatliche Untersützung von Religionsgemeinschaften in diesem Sinne eine Ungerechtigkeit, denn – wie so schön ausgeführt – ist die konfessionslose Gemeinschaft eigentlich auch eine Gemeinschaft. Und das nicht zu unterstützen ist eigentlich… sagen wir euphemistisch Benachteiligung.
    Es gibt in diesem Sinne viel mehr Dinge, die mich ärgern. Als es um die Streitfrage des Weihbischofs Wagner ging, ist jeder erzürnt auf die katholische Kirche losgegangen. Hier muss ich die katholische Kirche in Schutz nehmen, ihr gilt keine Kritik. Wenn eine nichtstaatliche Gruppierung Menschen anderer sexueller Orientierung, Hautfarbe, Relgion, politischer Gesinnung oder anderer Einstellung benachteiligen will, dann sollen sie es auch tun (solang kein Lynchmob mobilisiert wird). Sollen sie doch tun, was sie für richtig halten. Aber dann soll der Staat, der sich der Gleichbehandlung aller Bürger verpflichtet fühlt, nicht diese Gemeinschaft unterstützen – denn dann ist der Gleichheitsgrundsatz nichts anderes als Heuchlerei.

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  12. ich kann dem nur beipflichten – die vergabe von bundesmitteln für privatschulen ist mehr als reformbedürftig und wird dem laizismus nicht mal im ansatz gerecht!

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  13. Islam nicht besser als Zeugen Jehovas Beleidigt man Mohamed, macht darüber Witze, oder dergleichen, kann man sich in einer Demokratie schon vor Mordanschlägen fürchten und hat die gesamten muslimischen Staaten aufgebracht (inklusive der Türkei). Das ist bei den christlichen Kirchen nicht so; denn die verwenden nur Worte.

    Im Übrigen ist das so wie mit den Drogen: erlaubt man mehr als die Zigarette, kann man annehmen, dass der Konsum auch von anderen (derzeit verbotenen) Drogen steigt.

    Auf der anderen Seite bringen Religionen die sozialen Werte in die Schulen (zumindest beim Katholizismus. bei den anderen weiß ichs nicht). Es gibt nämlich keinen Ethikunterricht. Und der Religionsunterricht hat ja derzeit die Ethik zum Teil ja eh auch inkludiert.

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  14. Initiativen gibt es Es gibt in Österreich einige Initiativen, die diesen (und ähnliche) Missstände beseitigen können. Den Freidenkerbund (www.freidenker-oesterreich.at), in dessen Vorstand ich sitzt. Die Ag-athe (www.ag-athe.at), AHA (www.atheisten.at), nicht zuletzt: http://www.laizismus.at. Wir kämpfen seit Jahren, zum Teil seit Jahrzehnten, gegen Privilegien für Religionsgemeinschaften, gegen deren Bevorzugung gegenüber anderen Weltanschauungsgemeinschaften. Was unsere Arbeit so schwer macht, ist, dass wir von politischen Parteien als Schmuddelkinder behandelt werden. Es ist sehr selten, dass sich ein Politiker wie du so sehr rauslehnt. Das tut gut. Davon würden wir uns alle mehr wünschen. Ich denke, ich kann für alle hier genannten Vereine sprechen, wenn ich sage: Wir sind bereit, dich in dieser Initiative zu unterstützen.

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