heut mal ein bisschen marxistisch

diese Grafik (gefunden hier) läd zum genauen Nachdenken über die Ursache der Wirtschaftskrise ein:


vergössern?anklicken!
Sie zeigt zwei Entwicklungen in den USA (in Europa ist es ähnlich verlaufen):
Seit 1800 (also seit mehr als 200 Jahren) wächst die Produktivität der US Wirtschaft kontinuierlich. Bis in die 70er Jahre des 20 Jhdts kam es auch zu einer angemessenen Entlohnung der Arbeiter und Angestellten, die ja „immer produktiver“ wurden. Und dann, nach 170 Jahren kam es plötzlich zu einem dramatischen Wechsel der gesellschaftlichen Verteilung. Die Löhne wuchsen trotz weiter steigender Produktivität nicht mehr, es „explodierten“ jedoch die Unternehmensgewinne, die einen Aufkaufrausch (merger and acquisition) auslösten.
Diese steigenden Unternehmensgewinne waren auch Auslöser des steilen Anstiegs der Börsenwerte der Unternehmen.
Doch um den Konsumbedarf (die eigentliche Triebfeder der Expansion- irgendwer muss ja die immer „produktiver“ hergestellten Waren kaufen) zu befriedigen gab es jetzt, wegen stagnierender, ja gar sinkender Reallöhne nur einen Weg: Den Kredit.
Und so „borgten“ jene, die Vermögen ansammelten jenen anderen, jenen mit den stagnierenden Löhnen immer mehr. Gegen Zinsen natürlich.
Und so baute sich eine riesige, aus einer ungleichen Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands entstandene Kreditblase auf.
Und die ist jetzt geplatzt.
Denn Geld kann kein Geld verdienen.
Hättiwari:
Wäre ein grösserer (gerechterer!) Anteil des Produktivitätszuwachses bei den Arbeitern und Angestellten geblieben, hätten sie sich ihre Häuser nicht auf Kredit kaufen müssen.Sie hätten es aus ihren Löhnen bezahlen können.
Und es wäre jetzt nichts dagewesen, was platzen könnte.
Frage an meine geschätzen Blogleser/innen.
Liegt in dieser Argumentation irgendwo ein Trugschluss?

11 Gedanken zu “heut mal ein bisschen marxistisch

  1. Lückenhaft So betrachtet ist das natürlich eine große Ungerechtigkeit. Allerdings blendet die Grafik wesentliche Fakten aus. So ist die steigende Zahl der Beschäftigten nicht enthalten. Und die Grafik enthält keine Sozialleistungen, die explosionsartig gestiegen sind und durch die nicht in der Grafik enthaltenen Abgaben gedeckt werden müssen – von der Wirtschaft, aber auch als Teil des Gehalts. Wie die Grafik unter Berücksichtigung dieser Faktoren aussehen würde, würde mich echt interessieren…

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  2. @loub: Ob die Bevölkerungs- oder Beschäftigungszahl steigt oder nicht ist für dieses Diagramm (glaub ich) egal.

    Die Sozialsysteme haben sicher einen großen Einfluss. LBJ hat ja die großen amerikanischen Sozialprogramme „Great Society“ (vor allem Medicare und Medicaid) 1965 eingeführt. Zufällig genau dann entwickeln sich auch die beiden Kurven auseinander.

    Ein anderes Problem hier ist, dass in die „Real Wages“ die Inflation eingerechnet wird. Das ist einerseits logisch, andererseits können die Arbeitgeber nix dafür, wenn der Arbeitnehmer plötzlich das doppelte für den Benzin zahlen muss.

    Ein weiteres Problem ist die Messung der Produktivität. Die Produktivität wird mit Hilfe des BIP ausgerechnet. Und im BIP sind einige Sachen drinnen, die nicht notwendigerweise was damit zu tun haben, wie wir uns Produktivität (oder Wohlstand) vorstellen. Ich bin kein Ökonom, deswegen hab ich da Probleme das zu verstehen, aber vor allem „Österreicher“ kritisieren die Berechnung des BIP, z.B. aus dem Wikipedia-Eintrag zu GDP in „Austrian economist critique“:

    For instance, if a government embarks on the building of a pyramid, which adds absolutely nothing to the well-being of individuals, the GDP framework will regard this as economic growth. In reality, however, the building of the pyramid will divert real funding from wealth-generating activities, thereby stifling the production of wealth.

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  3. lieber Christoph,

    ich glaube auch, dass deine argumentation die abgaben (steuern und sozialversicherung) ausser acht lässt. wir leben heute in einer gesellschaft, in der die öffentlich finanzierte infrastruktur (strasse, wellfare, medizin, umweltschutz, staatliches gewaltmonopol etc.) mit dem von vor 100 jahren nicht vergleichbar ist. nimm einfach her, dass wir mehr als das 15 -fache absolut und fast das doppelte relativ für gesundheitsversorgung ausgeben. daran sieht man, dass die gleichsetzung produktivität mit unternehmensgewinnen nicht richtig ist.

    ausserdem bin ich der meinung des anderen kommentators, dass es eigentlich keinen unterschied macht ob mit cash bezahlt oder auf kredit finanziert wird. der kredit ist eine wette auf steigenden wert der immobilie (wovon man in den meisten fällen ausgehen kann) und zukünftig steigendes einkommen (was im durchschnitt auch stimmt.

    die ursache der krise ist glaube ich viel einfacher: man lernt spätestens in der 10 stunde mirkoökonomie, dass märkte rahmenbedingungen brauchen um effizient zu sein und dass eine dieser bedingungen die vollständige information der marktteilnehmer ist. wenn auf den meisten kreditanträgen von niedrigeinkommenskreditnehmer in den USA jahrelang falsche (überhöhte) angaben gemacht wurden um kredite zu rechtfertigen, dann ist die information nicht vollstädnig, oder besser falsch. oder einfacher: wenn im grossen stil betrogen wird, dann braucht man sich nicht wundern wenn dies zur katastrophe führt. wir brauchen einfach nur wirkliche rahmenbedingungen der märkte und kontrolle ihrer einhaltung.

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  4. @cc
    Die von dir aufgezeigte Problematik wird von einigen amerikanischen (nicht-marxistischen) Ökonomen als Teilgrund für die notorische Bubble-Wirtschaft der letzten zwei Jahrzehnte gesehen. Die Kapitalerträge der Vermögenden suchen sich immer neue Investitionsmöglichkeiten und fließen in einen Hype nach dem anderen.

    Was den kreditfinanzierten Konsum zum Ausgleich von Reallohnstagnation angeht, sollen es nicht die einfachen Arbeiter gewesen sein. Speziell im oberen Bereich ist die Einkommensschere enorm auseinandergeklafft, also zwischen den neuen Superreichen und den Reichen, der oberen Mittelschicht und der mittleren Mittelschicht. Den Ausgleich schafften sie nicht nur auf Kredit, sondern, indem sie praktisch überhaupt nicht für den Ruhestand sparten.
    Die Behauptung besteht also darin, dass beispielsweise der Ingenieur mit den rasant steigenden Konsum des Anwalts, der Anwalt mit dem Arzt und der Arzt mit dem Industriellen mithalten wollte.

    Die Grafik kann man aber nicht einfach auf Österreich umlegen. Da wäre ich ganz vorsichtig. Das müsste man sich konkret ansehen.

    Der Grund für die Entwicklung in den USA ist auch, dass es dort praktisch keine Gewerkschaften gibt.

    Dean Baker bespricht die Thematik jedenfalls unter anderem in seinem Buch
    „Plunder and Blunder: The Rise and Fall of the Bubble Economy“
    Hier seine Vorstellung des Buchs auf Booktv.

    Das Buch habe ich nicht gelesen, aber dem Vortrag nach zu urteilen, ist es nichts anderes, als ein Ausschnitt dessen, was er in seinem überaus lesenswerten Blog Beat The Press regelmäßig bespricht.

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  5. Kapitalschere Ich denke es geht im Kern nicht darum ob das Haus Kreditfinanziert werden muss oder nicht.

    Der zentrale Punkt ist, dass die Kapitalverteilung seit jeher (exponentiell) zur Ungleichverteilung tendiert, d.h im Gleichschritt mit dem Wachstum des Gesamtwohlstands öffnet sich auch die Kapitalschere: Wenige verfügen über einen immer größer werdenden Anteil des Kapitals.

    Da im Wesentlichen Verzinsungsmechanismen zu tragen kommen handelt es sich um ein systemimmanentes Problem (Zins=Marktpreis des Kapitals), denn selbstverständlich kann Geld Geld verdienen. Die Kurzschlussreaktion darauf besteht darin das System der Marktwirtschaft als solches in Frage zu stellen – an statt das System durch Lösung von Detailproblemen zu verbessern.

    Vernünftiger Weise werden derartige unerwünschte Effekte durch externe Regeln neutralisiert. Das bestehende Regelwerk unseres Wirtschaftssystems kennt solche Instrumente derzeit aber kaum, was nicht wundert da mit der ungleichen Kapitalverteilung auch überprotportionales politisches Moment im Rahmen eines demokratischen Systems verbunden ist (auf linkslinks: die Reichen können es sich richten).

    CCs Andeutung, es wäre alles besser wenn den Produktivitätsgewinn nicht überwiegend die Investoren sondern allein die Arbeiter eingestreift hätten, deutet auf mangelndes Verständnis der Erfolgsfaktoren hin, da damit der Anreiz für den Kapitaleinsatz verlorenginge und das System zum Erliegen käme. An Hand des enormen Wirtschafts-und Wohlstandswachsums des letzten Jarhunderts haben wir gesehen, dass das kapitalistische Anreizsystem grundsätzlich gut funktioniert.

    Die Aufgabe besteht also nicht darin das System als solches in Frage zu stellen, sondern sinnvolle Verbesserungen einzuführen, d.h. einerseits weiter auf privates Engagement zu setzen, andererseits aber die selbstperpetuierende Kapitalakkumulation zu unterbrechen (schliesslich führte das Überangebot an Kapital ja auch zum Anwachsen des sub-prime-Kreditvolumens).

    Ein effektives Instrument der Kapitalscherenschliessung ist das „Platzen der Blasen“ – wie wir es gegenwärtig erleben: so mancher Milliardär ist heute zwar nicht arm, hat aber trotzdem innert kurzer Zeit einen Großteil des Vermögens verloren.

    Der krisenhafte Charakter solcher Ereignisse hat leider zahlreiche Nachteile die von der mangelnden Steuerbarkeit bis zu Kollateralschäden bei Arbeitnehmern reichen.

    Obwohl mir selbst nur eher utopische Vorschläge zur Lösung des Kapitalscherenproblems einfallen (z.B. „Erbrecht: der Staat erbt alles, die Nachkommen nichts“, „Kein Sekundärmarkt für Derivate“) habe ich volles Vertrauen daß die Akademia im Stande ist ein adäquates Arsenal geeigneter Instrumente zu entwickeln.

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  6. die diskussion um diesen eintrag zeigt mir, dass das niveau der leser/innen hier nach wie vor sehr hoch ist, wenn die frage entsprechend spannend ist, merkt man das sofort. kenne ich so kaum von einem anderen blog… ich glaube es ist sehr gut, nicht nur aussagen hinauszuschreien, sondern auch einfach („bescheidenere“) fragen zu stellen, wie hier am ende des eintrags geschehen. insofern könnte dieser eintrag vorbildcharakter für vieles haben, was da hoffentlich noch so kommt…

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  7. achja, meine inhaltliche assoziation: warum eigentlich nicht die zinsen des bereits von der vorgängergeneration aufgebauten kapitalstocks der aktuellen generation als „bedingungsloses grundeinkommen“ auszahlen und nur die darauf aufbauenden individuellen leistungen in dieser generation rein marktwirtschaftlich abgelten?

    prägnant formuliert hielte ich sowas oder sowas in der art ja für eine grundvoraussetzung dafür, dass der kapitalismus seinen „job“ auch in den nächsten 100 jahren sinnvoll fortsetzen kann: sich nämlich der abschaffung aller unangenehmer arbeit weiterhin asymptotisch anzunähern.

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  8. Goldbindung Bis in die 70-er Jahre gab es auch noch eine zumindest teilweise Golddeckung des
    US-Dollars und damit aller entsprechenden Währungsreserven. Diese Deckung wurde im
    Zuge des eigentlich nicht mehr finanzierbaren Vietnamkrieges aufgegeben und erst
    dieses Abrücken von der Golddeckung hat die seither in exponentiellem Ausmaß
    erfolgende Geldschöpfung und damit entsprechende Schulden auf der einen und Gewinne
    auf der anderen Seite ermöglicht. Das Spiel endet natürlich zwangsläufig, wenn nicht
    mehr ausreichend Nachschuldner gefunden werden, die das Pyramidenspiel am Leben
    erhalten (siehe auch zB Paul C. Martin: Wann kommt der Staatsbankrott).

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  9. Die Grafik ist schon interessant, aber vor allem deswegen, weil die beiden Kurven bereits vor 50 Jahren ihre vermeintliche Parallelität aufgegeben haben.
    Die Immobilienblase ist vielleicht seit 10 Jahren unnatürlich gewachsen …

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  10. unterschiedliche popularität sehr interessante these!

    PS interessant auch, wie angeregt in diesem blog diskutiert wird, während im blog der eu-spitzenkandidatin sich genau nix tut. die einzigen beiden einträge sind von mir, und die werden möglicherweise bald gelöscht werden.

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  11. Reformvorschläge… Mein Vorschlag wäre:

    Eine Maximalspanne von 10% Unterschied zwischen Gehältern/Löhne, die in einem Unternehmen auftreten dürfen. Dann erübrigt sich in Zukunft jede Diskussion der Fairness.

    Und Boni sollten in Zukunft auch auf alle Mitarbeiter aufgeteilt werden müssen. Schließlich arbeitet jeder im Unternehmen mit und garantiert dadurch einen Erfolg. Sobald nämlich irgendwo jemand nicht produktiv wäre, würde sich auch der Erfolg des Unternehmens schmälern.

    Zusätzlich müsste man Anreize schaffen, dass Unternehmer hier investieren. z.B.. Lohnsteuern senken, Standortförderungen, …

    Und ich wäre für eine andere Globalwährung als den Dollar. Eine Globalwährung hätte den Vorteil, dass diese unabhängiger von den Inlandsturbulenzen einzelner Staaten sein kann.
    Und eine Institution müsste entstehen, die die Finanzmärkte kontrolliert. Am besten ein Gremium von allen Staaten die am Weltmarkt beteiligt sind. ev. so ähnlich wie die UNO.

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