Häusergulasch

Erstaunlich, was eine kurze Kolumne für Wellen schlagen kann.
Ende letzten Jahres schrieb ich in der Presse, zugegeben zugespitzt aber aus ehrlicher Überzeugung über das Hässliche Niederösterreich.
Via mail wurde diese Artikel unter Architekten ebenso wie unter den kritisierten Wohnbaugenossenschaften breit verteilt und ich erhielt zustimmende und wütende mails.
Gestern abend in St. Pölten.
Über hundert Zuhörer und Mitdiskutanten.
Zur Einstimmung wurde mein Artikel verlesen, dann eine wirklich spannende Diskussion über „Baukultur“, was sie ist, und wie sie v.a. in Niederösterreich entstehen könnte.
So berichtet die APA:
Christoph Chorherr löst Architekturdebatte in Niederösterreich aus
Utl.: Wiener Grün-Politiker diskutierte in St. Pölten –
„Presse“-Artikel als Stein des Anstoßes –
Landfraß, Häusergulasch und die Unkultur der Masse =
St. Pölten (APA) – „Hässliches Niederösterreich“ – Mit einem derart
übertitelten „Presse“-Beitrag und Sätzen wie „Was und wie in den letzten
Jahrzehnten hier gebaut wurde, ist in seiner Gesamtheit ein Desaster“ hat der
Wiener Landtagsabgeordnete Christoph Chorherr (Grüne) Ende 2008 für Aufregung gesorgt. Am Dienstagabend stellte sich Chorherr in St. Pölten einer vom Architekturnetzwerk ORTE veranstalteten Diskussion.
Es sei ihm das Sakrileg bewusst, als Wiener an Niederösterreich Kritik zu
üben, räumte Chorherr ein, stellte jedoch zugleich fest, dass die politisch
Verantwortlichen einer Diskussion offenbar auswichen, und regte eine
Baukultur-Enquete auf Landesebene an. Die Teilnehmer des Podiumsgesprächs zeigten sich von der vorgebrachten Kritik zum Teil betroffen und schwankten zwischen Zustimmung und Relativierung.
Die Vorgaben der Bauordnung würden in Niederösterreich von „mittelmäßigen
Gestaltern fehlinterpretiert“, Architekten stünden auf verlorenem Posten,
meinte etwa ORTE-Vorsitzender Franz Sam, selbst auch Vorsitzender des
Gestaltungsbeirates Wohnbau. Raumplaner Herbert Schedlmayer erblickte das
Grundübel im „Landfraß“: Ein „Häusergulasch“ überziehe das Land, das Problem liege in der „Unkultur der Masse an Häuslbauern“ begründet. Erwin Krammer (Landesinnung Bau NÖ) beklagte das Überhandnehmen der Fertighäuser, die keine Wertschöpfung für das Land brächten, und schlug vor, positive Anreize im Sinne der Baukultur zu setzen.
Wilhelm Gelb, Direktor der Allgemeinen gemeinnützigen Wohnungsgenossenschaft St. Pölten, und Alfred Graf, Direktor der GEDESAG Krems, verteidigten die Verdienste des sozialen Wohnbaus. Es gehe primär um funktionelle Wohnungen und deren finanzielle Leistbarkeit, Ästhetik sei subjektiv, meinte Gelb. „Wir sind in engem Schulterschluss mit den Gemeinden aktiv“, erklärte Graf. Genau diese enge Verzahnung der Genossenschaften mit Politik und Wohnbauförderung hatte
Chorherr allerdings problematisiert.
Als Medienvertreter nahmen Gilbert Weisbier („Kurier“) und Martin Gebhart
(„NÖN“) an der Diskussion teil. „Baue ich, ist es eine Verbesserung meiner
Lebensqualität, baut jemand anderer, ist es ein Eingriff in meine
Lebensqualität“, formulierte Weisbier. Gebhart rückte einige Kritikpunkte
zurecht: Konflikte würden sehr wohl auch medial abgehandelt, zudem habe sich in den vergangenen Jahren vieles im Land gebessert, etwa bei der Restaurierung von Ortskernen.
Die pointiertesten Stellungnahmen kamen aus dem Publikum. „Brauchbare
Architektur entsteht nur, wenn einer, der will, einen trifft, der’s kann“,
brachte es ein Zuhörer auf den Punkt. Weniger versöhnliche Töne schlug ein
anderer Diskutant ein: „Die Leute brauchen keinen Architekten, sondern einen
Psychiater.“

4 Gedanken zu “Häusergulasch

  1. „Ästhetik sei subjektiv“. Lustig. Jetzt haben die ländlichen Spießer die postmodernistischen Sprüchlein auch auswendig gelernt, mit denen eben jene Postmodernisten ihren Hass und ihre Verachtung auf das Schöne betreiben.

    tu quoque kann ich nur sagen. Denn die Subjektivitäts-Karte hast du selbst gezogen, als du stolz über deine Beteiligung an diesem Objekt berichtetest. Diejenigen, die eigentlich Experten für Ästhetik sein sollten, also die Architekten und Raumplaner, verleugnen und bekämpfen die Substanz ihres Fachgebiets seit einigen Generationen. Also sind die Menschen, dort, wo sie können, also als Häuslbauer, eben auf sich allein gestellt. Das Ergebnis ist eine Gulaschsuppe. Aber wenigstens schwimmen in dieser Suppe einige Gustostücke, was man von der neuen Bausubstanz in Wien selten sagen kann.

    Ästhetik ist objektiv. Es gibt mittlerweile kulturübergreifende Studien zum Thema und solche mit Kleinkindern und Babys, die hohe Übereinstimmungen zeigen. Auch aus dem Bereich der Gehirnforschung gibt es da Ansätze. Das Ergebnis dieser Forschung wird wohl das Wissen der Klassiker wiederentdecken. (Goldener Schnitt usw.)

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  2. Wenn es Pastellfarben nie gegeben hätte, für die niederösterreichische Baukultur (?) hätte man sie erfinden müssen…

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  3. Baukultur ? Ich finde Hässlichkeit muss nicht unbedingt nur mit Ästhetik zu tun haben. Ich glaube es ist eher mehr, wenn etwas schlecht und lieblos gemacht ist, wenn es kein Einklang zwischen Raum, Nutzung und Kontext gibt. Das ist leider der Fall bei den meisten Architekturobjekte die in Wien und in Niederösterreich entstehen. Sie beziehen sich selten auf Ihre Umgebung, wirken fast nie authentisch und beweisen kaum eine Sinn für details. Dafür müssen nicht nur die ArchitektInnen hinhalten. Es wird weder von den NutzerInnen noch von EntscheidungsträgerInnen erwartet oder gefordert.

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