Kluges zur grossen Krise

Manche Texte sind ein wenig länger.
Lesenswert sind sie, wenn sie von klugen Menschen erdacht und formuliert sind.
Dies ist einer davon.
Er sei nachdrücklich empfohlen.

9 Gedanken zu “Kluges zur grossen Krise

  1. Das ist kein kluger Text, sondern ein selten bescheuerter Text. Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Einiges von dem kann man schon fast als Revisionismus bezeichnen – wenn er z.B. so tut, als ob der böse Neoliberalismus (was immer das auch sein soll) an der Ölkrise 73 schuld war und nicht das Ölembargo.

    Und vor allem tut er so, als ob es irgendeine Alternative dazu gäbe. Es hat nie jemand behauptet, dass der freie Markt perfekt wäre – nur dass alles andere noch viel schlimmer ist. Wenn der Herr Schulmeister nicht will, dass der Markt den Ölpreis festlegt, dann soll er sagen, wie er den dann ausrechnet. Wenn er meint, dass es eine gute Idee ist wenn der Staat die Mineralölpreise festlegt, dann kann er ja mal die Zustände im Iran oder Venezuela anschauen, wo sich niemand einen Dreck darum schert, wie viel Benzin irgendwas braucht.

    Und wenn er den Keynesianismus so toll findet, dann soll er auch daran denken, dass Keynes gesagt hat, dass die Staatsquote maximal 20% sein soll. Bei uns ist sie mittlerweile fast 50%.

    Und sein Märchen über den Abbau des Sozialstaats kann er sich auch sonstwohin stecken – das ist nichts weiter als eine Abwandlung von „früher war alles besser“. Die Leute werden immer älter, die medizinischen Möglichkeiten immer besser. Heute ist es normal, dass man fast 20 Jahre lang in Pension ist. Bei uns gibt es seit kurzem eine Pflegeversicherung. Niemand der bei Verstand ist, kann behaupten, dass es einen Abbau vom Sozialstaat gibt.

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  2. Der Text strotzt für mich nur so vor lauter Emotionen. Es ist genau diese Rethorik, die uns am Ende doch keinen Millimeter weiterbringen wird. Ja, die uns vielleicht in ein paar Jahren in bester manisch-depressiver Manier sogar massiv schaden wird, wenn dann wieder politisierte Massen durch die Strassen ziehen… hoffen wirs nicht.

    Schulmeister kritisiert nun also jene redlich Bemühten, die über neue Spielregeln für (Finanz-)märkte nachdenken, „manisch-depressive Schwankungen der Wechselkurse, Zinssätze, Aktienkurse und Rohstoffpreise“ liessen sich laut ihm „durch keinerlei Regulierung beheben“. Vielmehr bräuchten wir statt veränderter Regeln eine „radikale Überwindung des neoliberalen Weltbilds“ was auch immer diese radikale Überwindung genau sein soll – dafür hat offenbar auch Schulmeister nicht einmal den Ansatz eines Rezepts anzubieten.

    Da will jemand laufen, ohne zu wissen wohin eigentlich. Man kann sowas mit dem Begriff „Panik“ umschreiben und zu verstehen versuchen.

    Märkte sind ua. dazu da, Preise zu finden. Wenn sich nun zeigt, dass sie dabei in bestimmten Bereichen nicht so erfolgreich sind wie wir uns dies aufgrund ebenso realer Erfahrungen in vielen anderen Bereichen erwarten dürften, dann ist nun eine nüchterne Analyse der feinen Unterschiede angebracht. Aber solcherart Analyse ist ja vielleicht nicht spektakulär genug, hat nicht so diesen Nimbus der grossen Zeitenwende.

    Mich zB hat sehr zum Nachdenken gebracht ein Interview mit dem deutschen Unternehmer Ritter („Ritter Sport“ Schokolade) in einem der letzten Brand Eins. Darin schildert er recht eindrücklich wie Rohstoffbörsen die Preisfindung für von ihm benötigte Basisprodukte wie zB Kakao zunehmend problematisieren. Der Grund dafür liegt schlicht darin, dass Personen, die „real“ an diesen Rohstoffen und ihrer Verwertung interessiert sind, dort gegenüber Vermögensanlegern zunehmend unterrepräsentiert sind.

    Man könnte das vielleicht auch so ausdrücken: Wo uns früher mal die „Verflüssigung“ von Märkten über Börsen dabei geholfen hat, die der realen Angebots- und Nachfragesituation und -erwartung entsprechenden Preise schneller zu finden, entdecken wir nun womöglich, dass genau diese Verflüssigung bei geänderten Rahmenbedingungen auch problematisch werden kann. Alle extrem verflüssigten Märkte eignen sich nämlich neben dem „realen“ Handel auch extrem gut zur Vermögensanlage: in Sekundenschnelle kauf- und verkaufbare Dinge sind eben genauso flüssig „wie Geld“ – und damit sind sie dann auch „wie Geld“.

    Das aber bedeutet für mich letztendlich, dass solche Märkte nun vereinfacht gesagt versuchen zwei Preise gleichzeitig zu finden. Zum Teil den durch reale Nachfrage und reale Angebote bestimmten Preis, zum zunehmend grösser werdenden Teil einen durch die Nachfrage nach sicheren und vielversprechenden Anlageprodukten bestimmten Preis. Der Realpreis eines Guts allein ist eben woanders als wenn er sich mit dem über viele derart verflüssigte Märkte verteilten Preis der „besten Anlagemöglichkeit“ überlagert… und da sich diese über zunehmend mehr Märkte ziehende Suche nach der besten Anlageform in Sekundenschnelle von einem verflüssigten Realmarkt in den nächsten bewegen kann erleben wir eben auch die „manisch-depressiven“ Schwankungen auf diesen Märkten – und die realen Verbraucher von zB Kakao stöhnen entsprechend…

    Ich mag damit im Konkreten nun recht haben oder auch nicht. Aber ich bin mir völlig sicher, dass diese Art von Nachdenken rein gar nichts mit Schulmeisters Brachialrethorik zu tun hat. So wie auch die aus solchem Nachdenken zu ziehenden Konsequenzen (wie zB jene der vielleicht ganz bewussten „Bremsung“ gewisser oder auch fast aller Märkte durch Transaktionssteuern) nichts daran ändern werden, dass Märkte unverzichtbar leistungsfähige Werkzeuge in unserer Menschen Hände bleiben müssen, sollten, werden.

    Es ist doch letztlich immer wieder dasselbe: was in der Vergangenheit gut und richtig und förderlich war (in meinem Beispiel die Schaffung von Börsen) wirft unter veränderten Rahmenbedingungen neue Probleme auf. Herausforderungen könnte mans auch nennen, die gemeistert werden können. Panik hat uns noch nie geholfen.

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  3. Schulmeister sollte bei Paul Krugman, Dean Baker, Joseph Stiglitz und Brad Delong in die Lehre gehen. (Alles unverdächtige Keynesianer und Regulierungsbefürworter)

    Es ist wahr, dass der Neoliberalismus religiös anmutende Glaubenssätze enthält, die von Politikern und Journalisten angenommen wurden. Aber die Antwort auf diese Marktreligiosität ist keine ebenso emotionale Polemik, wie Schulmeister sie betreibt.

    Schulmeister macht den Fehler, den Markt und die Finanzmärkte zu entpersonalisieren. Häuserblasen gab es auch in den 80ern in Deutschland, trotz Bausparen und eine enorme Blase gab es im Japan der 80er.

    Wenn die Bürger ihres Landes ihre Häuser kollektiv überbewerten, dann kann man wenig dagegen machen. Und diejenigen, die ein klares Wort aussprechen müssten, die Nationalbanker und Politiker, glauben entweder selbst auch daran, oder wollen nicht diejenigen sein, die die Häuslbauer enttäuschen wollen. Dean Baker wusste schon langer Zeit von der Überbewertung amerikanischer Häuser. Er ist der Meinung, dass Greenspan die Blase mit einem Wort hätte platzen lassen können. Das Problem ist, dass die Menschen ihre Ausgaben von ihrem angenommenen Reichtum abhängig machen. Das nennt man den wealth-effect. Wenn der Wert der Häuser sinkt, geben sie weniger aus und man hat sofort eine Rezession. Kein Politiker will eine solche während seiner Amtszeit auslösen.

    Die Märkte sind irrational, weil die Menschen irrational sind. Damit muss man leben. Keynes hat uns erklärt, wie man in Krisenfällen handeln soll.

    Ich sehe nicht, wie eine Regulierung der Finanzmärkte, die aus anderen Gründen wichtig ist (siehe Madoff), die Krise hätte verhindern können. Die sub-prime Hypotheken machen nur einen Bruchteil der Hypotheken aus. Sie waren lediglich die ersten, die umfielen.

    Stephan Schulmeister glaubt, dass die Rohstoffpreise von Spekulanten gemacht werden. Der Nobelpreisträger Paul Krugman ist da anderer Ansicht, da die Spekulanten keinen Einfluss auf reale Nachfrage und Angebot haben. Außerdem stiegen 2008 auch die Preise für Rohstoffe und Nahrungsmittel, die nirgendwo gehandelt werden. Z.B. Eisenerz und Reis. Fragt sich, wie Schulmeister das erklärt.

    Schulmeister ist halt selbst ein Gläubiger. Spekulanten und Banker kontrollieren in seinem Weltbild die Wirtschaft. Schulmeister glaubt an den Teufel. Die Neoliberalen an den lieben Gott. In Wahrheit gibt es weder den einen noch den anderen.

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  4. Rohstoffblasen Schulmeisters Text enthält unendlich viel Stoff zum nachdenken, diskutieren und kommentieren. Danke!
    Es scheint als würde er (und möglicherweise auch C.C.?: siehe Video „Die Zukunft des Ölpreises – Teil 1“) glauben, dass am Höhenflug des Ölpreises v.a. die (bösen) Spekulanten schuld gewesen wären. Das war nicht oder nur zu einem geringen Ausmaß der Fall, wie ein CFTC-Report vom Juli 2008 im Auftrag des US-Senats zeigt (http://www.theoildrum.com/node/4334). Vielmehr ist zwischen Ende 2004 und Mitte 2008 das globale BIP um fast 20 Prozent gestiegen, die Ölproduktion aber so gut wie gar nicht! (Ja, Saudi Arabien hat im Frühjahr 2008 nochmals „ordentlich aufgedreht“, konnte aber Produktionsrückgänge in anderen Staaten kaum kompensieren! Peak Oil ist eben keine „Theorie“, sondern ein in vielen Förderregionen nachweisbare Tatsache).
    Resumee: der Marktmechanismus funktioniert!
    Funktioniert er wirklich?
    Ja, er widerspiegelt das kurzfristige (Ölkontrakte werden v.a. fürs nächste Monat gehandelt) Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage mehr oder weniger korrekt wider.
    Nein, er spiegelt überhaupt nicht wider, dass Öl und andere Ressourcen endlich sind! Wie könnte es sonst nämlich sein, dass der Ölpreis heute – inflationsbereinigt – weniger als die Hälfte von 1980 kostet, obwohl seither mehr als 600 Milliarden Barrel (= 100 Würfel mit einer Kantenlänge von 1 km) oder rund ein Viertel des jemals vorhandenen förderbaren Öls unwiederbringlich als CO2 in der Atmosphäre verpufft sind. Die Ware Öl ist also physisch „knapper“, aber monetär nicht „wertvoller“ geworden.
    Eine Auseinandersetzung mit und „Reparatur“ von diesem ökonomischen Paradoxon sollte für die Ökonomen und die Politik im Zentrum stehen! Bevor die nächste Öl- und Ressourcenblase entsteht! Denn die physischen Fundamentaldaten können weder von Monetaristen noch von Keynesianern uminterpretiert oder geleugnet werden.

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  5. Die Alternative? Keynes Theorien sollen es richten? Ein Anfang soll das sein? Kaum. Es kann nicht nur darum gehen, die Wirtschaft wieder auf stabilen Wachstumskurs zu bringen. Dem Primat der Wirtschaft muss ein Ende gesetzt werden. Die komplette Sinnentleerung durch die Diktatur des Marktes zeigt sich ja aktuell in den Vorschlägen für Konsumgutscheine, wie die Abwrackprämie (Unwort des Jahres). Falls wir es nicht selbst schaffen, uns vom Joch der Wirtschaftslogik zu befreien, wird es schliesslich die Evolution tun und den homo sapiens als zu dumm abstrafen. Sie ist natürlich schon dran an ihrer Arbeit, nur merkt’s kaum einer. Denn unsere Hirne sind nicht selektioniert, die Komplexität heutiger menschlicher Gesellschaften zu verstehen. Niemand hat ein taugliches Rezept gegen den Klimawandel. Dennoch unsere Aufgabe wäre es, sich mit der begrenzten Welt dieser Erde zu versöhnen und zu arrangieren, anstatt sie immer weiter auszubeuten und zu zerstören. Klingt einfach. Aber dies erfordert radikales Umdenken. Z.B. Verzicht auf 100%-Stellen. Die Produktivität in westlichen Ländern ist so hoch, dass viele sich eine Reduktion auf 50 – 80% leisten könnten. Das gäbe sogar Arbeitsplätze. Insgesamt könnte das BIP um viele Prozente gesenkt werden bei gleichzeitiger Verbesserung der Lebensqualität aller!

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  6. kurz und bündig: Die angeblichen Ursachen der Weltwirtschaftskrise waren in Wirklichkeit nur Maßnahmen, die die Krise verzögert haben. Der globale Wettbewerb um Standorte auf Kosten des Lohnniveaus und der sozialen Standards und zu Gunsten steuerbegünstigtem Kapital hat die Kaufkraft der Konsumenten nachhaltig geschwächt. Großzügige Privatkredite und faule Spekulationen auf steigende Immobilienpreise der kleinen privaten Wohnobjekte-Eigentümer haben die Kaufkraft künstlich hochgehalten bis nichts mehr ging. Die „in den Sand gesetzten Milliarden“ waren ein Spekulationsobjekt auf hinterhältig vorgetäuschte Kaufkraft der kleinen Konsumenten.

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  7. Wahnsinn Ich mag den Schulmeister, aber er hängt in alten Denkstrukturen fest und hat keine Antworten.
    Das System ist zum Scheitern verurteilt – es kann gar nicht andres.
    Eigentlich ist eine klassische Kreislaufwirtschaft, nur steht am Beginn die Geburt, und am Ende der Tod.

    Wer hat die richtigen Anworten?

    Lest mal : http://www.berndsenf.de/

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  8. sehr guter artikel. damit hat er sicher einige getroffen, die direkt involviert sind bzw. waren. mafiöse strukturen fällt mir dazu ein…

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