Damenwäsche

Das einzige, was mir zur „neuen“ Regierung eingefallen wäre, hat Robert Misik bereits geschrieben: In Österreich kann jeder Minister werden. Sogar Leute, die nicht einmal in der Lage wären, die Obmannwahl in einem Elternverein zu gewinnen.
Ich mag einfach nix zu dieser Regierung schreiben.
Hier statt dessen ein „Autotest“.
Falter– Chef Armin Thurnher hat mich eingeladen, ab und zu Autos zu testen.
Die Einladung hab ich gern angenommen.
Hier mein aktuelles Elaborat:
Damenwäsche

“Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, daß sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken.”
schreibt Karl Marx in seinem ersten Band “Das Kapital” über den Fetischcharakter der Ware.
Leider hat er das Auto noch nicht gekannt.Er hätte es mit Sicherheit ins Zentrum seiner Betrachtungen gestellt.Der Mensch und das, nein sein Auto, das ist die wohl symbiotischste Beziehung zwischen Mensch und Maschine.
Das Auto ist wahrscheinlich DER Fetisch der Moderne.
“Fetischismus” bezeichnet einen Glauben an übernatürliche Eigenschaften bestimmter Gegenstände und deren Verehrung.
Wie anders wäre zu erklären, was sehr viele Menschen für diesen Gebrauchsgegenstand bereit zu zahlen sind.Im Laufe seine Lebens berappt der durchschnittliche Deutsche, und es dürfte in Österreich ähnlich sein, beachtliche 312 000 Euro für Anschaffung und Unterhalt seines Autos.Der Sprit, über dessen Preis geradzu religiöse Auseinandersetzungen geführt werden, kostet bloss ein Fünftel dieser Summe.
Die Entscheidung für ein bestimmtes Auto wird in allen Kulturen zum Ausdruck verschiedenster sehr starker Emotionen verwendet.
In den seltensten Fällen wird es als ein rationaler Gebrauchsgegenstand gesehen, um kostengünstig von A nach B zu fahren.
Aber es gibt sie, die Autos, die den Fetsichcharakter beharrlich negieren. Die einfach nur vernünftig sind.
Der Kia Picanto ist so eines.
Ich kenne den Picanto sehr gut, bin sicher schon mehr als 5000 km mit ihm gefahren. Immer wenn ich in Südafrika bin, und in Johannesburg eine Stadtstruktur vorfinde, welche ein Auto nahezu unverzichtbar macht, was allzu oft heisst, Stunden um Stunden im Stau zu stecken, immer, soweit möglich, bestelle ich einen Picanto.
In Österreich wird er wenig verkauft.
Kein Wunder, ist er das genaue Gegenteil eines Fetisch. Den Namen merkt man sich ebensowenig, wie seine Form. Kaum hat man ihn gesehn, schon verflüchtigt sich die Erinnerung an ihn.
Seine “Gestalt” ist so ausdrucksstark wie eine Waschmaschine, ein Bügeleisen oder ein Staubsauger, jedenfalls von einem, der vor wenigen Jahren am Markt war. Denn aktuelle Modelle des letzteren beginnen auch, man glaubt es kaum, Design-meisterwerke zu mimen.
Die Ratio des Picanto jedoch ist bestechend. Über ein ganzes Menschenleben gerechnet würde sich ein Nutzer (siehe die 312000 Euro oben) weit mehr als die Hälfte sparen. Das Basismodell ist mit 8790 Euro wirklich wohlfeil. Jedesmal beim Tanken ein ähnliches Erlebnis. Die 5 Liter Verbrauch, welche vom Hersteller angegeben werden, halten weitgehend auch in der Praxis.
Interessant ist, dass “Ratio” in der Autowelt immer Frauen zugeschrieben wird.
Nahezu alle Berichte über den Picanto streichen die weibliche Zielgruppe hervor, oder formulieren schlicht und unmissverständlich wie in einer Motorzeitschrift: “Dass Kraftwagen dieser Größe vor allem als Frauenautos angepriesen werden, hat auch auf uns nicht-weibliche Autotester seine Auswirkungen. Man(n) kommt sich fast vor, als beträte man eine verbotene Zone. Als triebe man sich mit üblem Glitzern im Blick in der Damenwäscheabteilung herum, nahe den Probierkabinen…”
Auto? Damenwäsche? Dieser Herr weiss eben, was ein Fetisch ist.
Im Vergleich zu seinen unmittelbaren Konkurrenten von Daihatsu und Suzuki hat der Picanto fünf Türen und ist für fünf Personen zugelassen. Zugegeben, grosse Menschen werden sich auf der hinteren Bank etwas beengt fühlen. Ja, auch der Kofferraum ist nicht der Grösste, kann aber durch Umklappen von Rücksitzen zum Transport von allem möglichen verwendet werden.
Achtung, jetzt ist eine Beleidigung wahrscheinlich unvermeidlich: Der Kofferraum des Mini ist keineswegs grösser, und auch im Mini sitzt es sich hinten nicht gerade superbequem. Aber Mini hat, im Unterschied zum Picanto (ja, wie kann ich bloss wie kann ich diese zwei nur vergleichen?) grosses Fetischpotential,”Kultcharakter” heisst das heute.
BMW freut sich natürlich, denn Fetisch kostet Geld, sehr viel Geld. Der Mini kostet ziemlich genau das Doppelte des Picanto
Aber er hat eben das “etwas”, das jenem fehlt.
Weltweit findet derzeit ein gewaltiger Umbruch der Autoindustrie statt. Kleinere, leichtere, verbrauchsärmere und vor allem billigere Fahrzeuge werden vermehrt nachgefragt.
Wird das Auto glatt zum “trivialen Ding”?
Sparen wir 200 000 Euro für Kügeres?
Das wird doch nicht möglich sein!
Ein richtiger Mann trägt keine Damenwäsche, oder?

7 Gedanken zu “Damenwäsche

  1. KIA mia Die große Kunst des Auto-Ingenieurs war immer schon das preiswerte, schnörkellose, basische Fahrzeug. Der Ford T, VW Käfer, der 2CV, der R4, der Original-Mini waren geniale, bahnbrechende Konstruktionen, die millionenfach gebaut wurden und die Grundmotorisierung der Industriegesellschaften bewerkstelligten, die Demokratisierung der Mobilität als Ausdruck einer neuen Individualität wenn man so will.

    Wirklich sicher, wirklich komfortabel waren sie nicht. Ab den 70er Jahren beginnt eine Phase, in der der kompakte, preiswerte, schnörkellose Wagen den Anspruch erhebt, im Wesentlichen so sicher und komfortabel sein zu wollen wie „richtige“ Autos. Die allerhöchste Ingenieurs-Schule: Das „komplette“ alltagsgerechte Auto minus „Fetisch“, minus Exzess, der kleine Wagen minus Kleinwagengefühl. Die Champions dieser Gattung: Fiat, zunächst mit Modell 128, später mit dem Uno und dessen Ableitungen. Und Honda mit dem Civic. Autos, die zu fahren Spass machte, die eine technische Substanz besassen, aber weder in Anschaffung, noch im Betrieb aufwendig waren.

    Ihre Nachfolger heute: Peugeot 107, Citroen C1, Toyota Aygo (im wesentlichen baugleich). Das sind „City Cars“ mit denen man dann und wann auch überland unterwegs sein kann, ohne nasse Hände zu bekommen, die irgendwie Pep haben, ohne in die Hipness-Falle à la Mini neu oder Fiat 500 zu fallen, deren Retro-Design nicht jedermans Vorstellung von Fortschritt in der Formensprache ist (und nicht zufällig den selben Designer haben).

    Kurz und gut: Der Kia Picanto, auf den all das nicht zurifft, ist eine CCsche Übertreibung – nur weil wir in die

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  2. Regierung fordern, nicht billig lästern Ich teile die abschätzige Kritik an der neuen Kritik nicht. Klar ist proporzmäßig nachvollziehbar, wieso plötzkich wieder die Sozialpartner in der Regierung sitzen.

    ABER: Ich finde, jetzt wäre eine gute Chance, die Regierung positiv herauszufordern. Forderungen einbringen, strategische Partnerschaften einbringen, schauen, dass was weitergeht. DAS würde ich mir von den Grünen wünschen. Und nicht wie die Straches vom 3. Rang runterschimpfen.

    PS: Zum Autotestbericht sag ich lieber nix.

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  3. Zur Regierung… Faymann wundert mich. Wirklich. Kam aus dem Nichts, riss die SPÖ an sich (alle stehen hinter ihm), setzte Forderungen (ob sie jetzt sinnvoll waren oder nicht). Dominiert die Themen vor der Wahl. Steht für eine „Neue SPÖ“ – nur dadurch konnte die SPÖ nicht so stark absacken.

    Wahl.

    Faymann bekommt seine Wunschregierung mit Pröll. Gibt alle wichtigen Ministerien an Pröll. Die Ministerien werden mit… interessanten… Personen besetzt. Das Koalitionsprogramm ist lala, Probleme werden verschoben.

    Da passt etwas nicht zusammen. Und zwar Faymanns Handeln. Es passt einfach nicht. Bei den Problemen in der nächsten Zeit wird so eine Regierung zerbrechen, und wir können froh sein wenn wiedergewählt wird bevor sie zuviel Schaden durch Nichtstun anrichtet. Faymann muss das wissen. Die SPÖ muss das wissen.

    Entweder Faymann grinst und geht für den Kanzler über Leichen, dann fragt man sich warum da die SPÖ so bereitwillig mitspielt und ihr eigenes Grab schaufelt. Oder Faymann rechnet damit, dass es bald Neuwahlen gibt und hat einen Plan (eventuell zusammen mit Pröll, diese Hassliebe ist ja auch seltsam, siehe 10 Fragen). Doch, wie könnte der Plan aussehen? Es passt einfach nicht.

    Bezüglich den Grünen – ich hoffe doch dass sie als Opposition ordentlich anpacken. Es verlangt ja niemand sich mit den Rechten ins Bett zu legen, aber Zusammenarbeit ist immer gut. Besser ein Kompromiss als gar nichts zu erreichen.

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  4. IPO ist out Ich finde die beiden Postings über mir interessant. Sie kidnappen einen Thread, der ganz ausdrücklich nicht von der neuen Regierung reden will („Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, wie ein großer Österreicher das nannte), sich vielmehr einem Thema widmet, das von lebensnaher Relevanz ist: Wie, ganz konkret, kommen wir angesicht der tiefgreifendsten Wirtschafts-und Sozialkrise zu unseren Lebzeiten noch rechtzeitig von unserem Gier-und Konsum-Koks runter. In der Annahme, dass das Leben irgendwie weiter gehen muss und wird und dies ausgenüchtert besser gehen wird als ungebrochen high.
    Der KIA-Vorschlag von CC heisst metaphorisch gesprochen: brutale Ausnüchterung, Blut, Schweiss und Tränen, fahren wir im Township-Auto, dann sind wir besser gewappnet für den Fall, dass wir auf dem Niveau von SA landen, was ja keineswegs ausgeschlossen ist. Meine Gegenthese war: Ein so brutales Absetzen jahrzehnelang so wirkunsstarker Drogen geht bei vielen daneben, es wäre schon viel erreicht, wenn wir auf eine weiche und vergleichsweise harmlose umsteigen (auch in der vagen Hoffnung, wir werden nicht auf SA-Niveau, sondern auf unserem eigenen vom Anfang der 80er landen).

    Eine österreichische Regierung ist in diesem Kontext noch irrelevanter als sie es bislang war; sie hat vergleichsweise wenig Auswirkungen auf unser konkretes Leben. Wer immer ein klein wenig an den Wisdom of the Crowds glaubt, ahnt, die „Menschen da draussen“ spüren in ihrer überwältigenden Mehrheit erstens sich selber und zweitens was vorgeht – also das, was die sogenannten politischen Eliten nicht mehr tun.

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  5. Autos werden als Subjekte und nicht als Objekte wahrgenommen und sind somit kein Fetisch, sondern Freunde, Liebhaber, Kinder oder Haustiere. Das Ludwig-Boltzmann-Institut für Urbane Ethologie in Wien hat die Sache untersucht: Face to Face – The Perception of Automotive Designs

    Die Teilnehmer der Studie interpretierten Autos anthropomorph und waren sich einig, welche Autos dominant/unterwürfig, männlich/weiblich, erwachsen/kindlich, aggressiv/freundlich usw waren.

    Sowohl Männer als auch Frauen fanden aggressive, dominante Autos am schönsten.

    Ich habe mal an anderer Stelle gelesen, dass „liebe“ Autos häufiger den Vorrang überlassen bekommen. Das Aussehen des Autos beeinflusst das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer. Das dürfte dann der Grund sein, warum sich Frauen für solche Autos entscheiden.

    Beweist CC hier also seine Vernunft, oder äußert sich einfach nur seine weibliche Seite? Der Kia Picanto ist jedenfalls ganz offensichtlich auf herzig getrimmt. Wird dieses Auto also aus Notwendigkeit gekauft, oder weil es ein liebes Maskottchen ist, das sowieso nichts kostet?
    Schwer zu sagen. Bei Dacia bekommt man jedenfalls mehr Kofferraum für weniger Geld. Dafür aber keine elektrischen Fensterheber oder Servolenkung. Eines ist jedenfalls gewiss. Den Dacia kauft keiner wegen des Stylings. LOL

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  6. alle reden von politik … … und das bei so einem schönen autotest über ein tolles auto, das allerdings durchaus eine etwas bessere sicherheitsausstattung haben könnte.
    ein richtiger mann trägt keine damenwäsche, richtig. zumindest, wenn er kein selbstbewusstsein hat.
    wer namen kaufen will: selber schuld. ich geh gezz zum ford-händler, hol mir den ka (weil er so toll aussieht. selbst, wenn frau erkannt hat, dass größere autos irrsinn sind, muss sie deswegen ja nicht auf stil verzichten.), schicke ihn dann zu meinen privat-schraubern und lasse ihn auf hybrid umrüsten! … so! 😉

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  7. Klar, wir könnten auch in Wohnungen mit 25 m2 wohnen (was wir da erst sparen würden!), T-Shirts statt Anzug tragen und Urlaub im Wienerwald machen. Aber wir können es uns leisten, Autos mit 125 PS, Wohungen mit 125 m2 und Turnschuhe um 125 Euro zu kaufen. Noch.

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