6 Gedanken zu “Integration: Auch wir müssen Probleme ansprechen

  1. Endlich! Sehr geehrter Herr Chorherr,

    endlich ein österreichischer grüner Politiker, der die Problematik realistisch sieht.
    Integration kann nur funktionieren, wenn beide – Migranten und Inländer – aufeinander
    zugehen. Die Erlernung der Verkehrssprache Deutsch ist dabei wohl das Mindeste, was man
    von den Migranten – schon in ihrem eigensten Interesse – erwarten muss. Doch dabei
    darf man es nicht belassen. Es geht um mehr, etwa um die Anerkennung der Menschenrechte,
    etwa der Gleichbehandlung von Mann und Frau und der Trennung von Kirche und Staat.
    Die Grünen sollen da auch engagiert für türkische Frauen, die von ihren Familien bedroht
    werden oder für Menschen die sich kritisch mit dem Islam auseinandersetzen,
    Stellung nehmen.
    Österreich ist ein Einwanderungsland. Einwanderung ist nicht nur für die Wirtschaft notwendig um Facharbeitermangel
    zu beheben, sondern auch um die sinkenden Geburtenraten auszugleichen.
    Dass das aber ohne große soziale Spannungen und erstarkung der extrem Rechten
    funktioniert, dafür ist aber ein Integrationskonzept wichtig, das noch ausgearbeitet werden müsste.
    Die Grünen könnten damit in einem – zur Abwechslung positiven – Ausländerwahlkampf
    punkten.

    falke

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  2. Löst sich das von selbst? Warum hat die Integration im Wien der Jahrhundertwende – laut Peter Drucker – besser funktioniert als in irgend einer anderen Gesellschaft zu irgendeinem anderen Zeitpunkt der Geschichte?
    Warum hat die Integration der „Gastarbeiter“ in den 70er und 80er Jahren aus heutiger Sicht idyllisch klaglos funktioniert?

    These: Im ersten Beispiel haben Bewohner der „Provinzen“ den immer und überall anzutreffenden Drang nach der Hauptstadt/Metropole als persönlich-private Befreiung von allerlei Zwängen empfunden. Der Drang, sich den Spielregeln der Metropole freiwillig zu unterwerfen, war authentisches Glücksstreben: möglichst schnell einer sein, dem man nicht anmerkt ein „Zuagraster“ zu sein.

    Im zweiten Beispiel hatte die Integration einen Verbündeten: den real existierenden Sozialismus in Südosteuropa. Ein kurzer Heimaturlaub alle paar Monate hat gereicht, um im Gefühl zurückzukehren, man habe eine Eintrittskarte für Nirwana. Das förderte die Bereitschaft Sprache, Kultur und Sitte der neuen Heimat anzunehmen.

    Heute fällt all das weg: Wer heute da ist, empfindet keinerlei Überlegenheit des hiesigen Systems, im Gegenteil. Satellitenfernsehen, Billigtelefonie, DVD und Internet fördern das Gefühl virtuell in der Heimat geblieben zu sein. Man empfindet hier nichts als besser oder attraktiver als das, was man zurückgelassen hat. Die meisten dieser Menschen hassen den Umstand, auf der Suche nach Arbeit „ihr Leben“ zurücklassen zu müssen. Jeder träumt nur vom Tag, an dem man zurückkehren kann (die hier Geborenen sind diesbezüglich qualvoll ambivalent).

    Integration ist darauf angewiesen, dass der Emigrant in der Ferne sein Glück wähnt und daher – im Umkehrschluss – nie wieder in sein Unglück zurückkehren will. Dieses Gefühl können wir nicht „machen“.

    Daher: Integration bleibt ein unlösbares Problem. es sei denn, es löst sich von selbst auf, indem die Arbeitsplatzsituation in Anatolien auch nicht schlechter als in Österreich ist. Und das könnte sich ja bald einstellen.

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  3. > In manchen Gegenden leben Türken in richtigen Parallelwelten.
    > Chorherr: Das ist auf der ganzen Welt so, da sehe ich die Alternative nicht.

    CC, das ist mir zu wenig.
    Ich halte die Pallelwelten für ein zentrales Integrationshindernis. Nur weil CC auf den ersten Blick keine Alternative sieht verschwindet das Problem nicht von selbst.
    Von Politikern mit intellektuellem Anspruch erwarte ich mehr Hirnarbeit.

    Parallelwelten entstehen, weil die Mitglieder unterschiedlicher Kulturen in der selben Stadt dort fixiert bleiben, wo sie hineingeboren wurden und keine Möglichkeit haben sich selbst auszusuchen in welcher Welt sie leben möchten.

    Wie sieht das Integrationsmodell der Grünen in Zukunft aus?

    Bedeutet Multi-Kulti, dass verschiedene Kulturen nebeneinander bestehen, ihre Mitglieder in ihr Umfeld geboren werden und das nicht verlassen (können)?

    Oder zielt das neue Grüne Integrationsmodell auf ein „Eine Gesellschaft“-Modell ab in dem sich die kulturelle Dynamik möglichst unabhängig von Herkunft und Elternhaus auf Basis der Entscheidung des Individuums differnziert?

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  4. @urgi & co Habe mir erlaubt in einem Posting weiter oben zu erklären, warum die Integrationsproblematik zu jenen gehört, die derzeit nicht zu lösen sind (heisst nicht, dass verschiedene Maßnahmen, um das Problem einzudämmen, unterlassen werden sollten – notabene wir nur eine Sonderproblematik mit Türken/Moslems haben).

    Ich vermute, wenn wir allgemeiner werden wollen, dass CC von einer qualifizierten Teilöffentlichkeit, die über den grünen Rand hinausgeht, nicht zuletzt deshalb als herausragend redlicher Politiker angesehen wird, weil er sich eingestehen kann, dass manche, auch besonders virulente, gesellschaftliche Probleme vorübergehend nicht zu lösen sind.

    Das unterscheidet ihn von den meisten anderen Politiker aller Lager und Parteien, die die Intelligenz ihres Publikums beleidigen, indem sie jedes Problem für – noch dazu: einfach – lösbar halten: Mehr Staat, weniger Privat; mehr Privat, weniger Staat; Ausländer raus, das Boot ist voll; mehr Ausländer, aber nur qualifizierte; Studium für alle, Gebühren weg; Elite-Studium, Gebühren her und so weiter.

    Der Common Sense sagt einem, die „Wahrheit“ liegt zwischen diesen plakativen Übertreibungen, im Raum, den das wild ausschlagende Pendel stets überfliegt. Diesen Raum zu beschreiben, geschweige zu gestalten, ist furchtbar schwer, weil das eben nicht einfach geht, weil es entsetzlich vieler Wenn und Abers und Sowohl-als-Auchs bedarf, die sich noch dazu auf der Zeitachse bewegen/verändern.

    Es bedarf einer neuen gesellschaftspolitischen Relativitäts-Theorie und einer daraus abgeleiteten Praxis…das wäre das eigentliche grüne Kernprojekt.

    CC steht aus meinem Empfinden für die Skandinavisierung unserer Politik: Warum kann in Dänemark das Gemeinwohl einen unübersehbar höheren Stellenwert haben als bei uns, obwohl der Markt/Kapitalismus auch besser funktioniert als bei uns? Warum können diese extrem wohlhabenden Gesellschaften eine Kultur entwickeln, in der sich Wohlstand und Status nicht in SUVs und einer öffentlich zur Schau gestellten Gier niederschlagen, sondern in Geschmack, Design, Umwelt- und Bildungsbewusstein und – vor allem – Lebenskultur? Wie können wir uns da was „abschneiden“, abschauen, für uns adaptieren?

    Das sind die Fragen, die CC – in immer neuen Varianten – stellt und erprobt, gleichgültig, ob er Fahradwege durchsetzt, Schulmodelle entwickelt oder vorbildliche Entwicklungsprojekte in Afrika initiiert. Und damit beispielhaft seine Partei davor zu bewahren versucht, allzu österreichisch zu werden, wozu sie stärker denn je tendiert.

    Wie in der Industrie benötigt man auch in der Politik eine „Benchmark“, ein Vor-Bild, an dem man sich messen will. CC hat solche Benchmarks, bisweilen stellt er sie selber auf und wir dadurch sebst zu einer Benchmark, an der sich andere Politiker messen lassen müssen.

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