Verblöden wir durch das Internet?

kurze Pause vom Wahlkampf.
Und nachdrückliche Empfehlung, diesen Artikel „is google making us stupid,“ sorgfältig zu lesen.
Zielgruppe sind wahrscheinlich (fast) alle, die hier auf diesem blog vorbeischaun.
Mich beschäftigt er intensiv, seit ich ihn vor ein paar Tagen gelesen hab.
Denn die Verhaltensänderungen, die darin beschrieben werden, kann ich teilweise auch bei mir beobachten.
Dabei gehts um die Frage, wie sehr intensivere Internetnutzung, neben all den unbestreitbaren Vorteilen, auch Nachteile bringt, konkret: wie verändert es unser Denken.
Der Autor Nicholas Carr glaubt, dass zum einen die Ablenkungskräfte durch das Internet immens zugenommen hätten. Vor allem aber meint er, dass sein Gehirn sich langsam aber sicher adaptiere und zu einer Art nervösem Flipperautomaten werde: „Mehr und mehr beschleicht mich das unangenehme Gefühl, dass irgendjemand oder irgendetwas an meinem Gehirn herumgebastelt hat. Als ob der Neuronenschaltkreis neu gepolt und die Erinnerung neu programmiert würde. Ich spüre das am stärksten beim Lesen. Früher fiel es mir leicht, mich in einem Buch zu verlieren. Heute kommt das kaum noch vor. Meine Geist schweift nach zwei Seiten ab. Ich werde zappelig, verliere den Faden, schaue mich nach einer anderen Beschäftigung um. Es ist, als müsste ich mein launisches Gehirn immer wieder zu dem Text zurückschleifen. Das konzentrierte Lesen, das mir früher leicht fiel, wurde zu einem anstrengen Akt.‘‘
Schuld daran ist in seinen Augen das Internet, das einen permanent mit kleinen, snackartig aufbereiteten Happen füttere. Die Folge: „Früher war ich ein Taucher im Ozean der Worte. Heute rausche ich auf der Oberfläche entlang wie ein Wasserskifahrer.“ Kurzum: Wer surft, verflacht.
Auf diversen blogs ist eine sehr hochstehnde Debatte darüber entbrannt.
Das nur ein Beispiel.
hier ein weiteres
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4 Gedanken zu “Verblöden wir durch das Internet?

  1. Mh. Tue *sehr* viel im Internet, auch sehr viel in kleinen Informationshappen — und habe keinen derartigen Effekt bemerkt, ich lese immer noch gerne und problemlos lange Bücher am Stück…

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  2. Mir fällt folgendes auf: Ich erfahre irgendwo über ein neues, interessantes Sachbuch, lese mir die Rezensionen bei Amazon durch und bestelle es. Dann google ich und finde Radio-Interviews mit dem Autor, mehrere Artikel des Autors zum Inhalt, Rezensionen, Blogger mit Sachkenntnis, die Teile des Buchs erörtern, Kommentatoren, die ihr Wissen beisteuern, Wikipedia-Artikel, die ausgedruckt viele A4-Seiten füllen. Bis ich das Buch dann endlich habe, kenne ich schon einen großen Teil der Argumente, Meme und Faktenbehauptungen und das Buch ist nicht mehr interessant, weil man über so viel drüber lesen muss, was man ohnehin schon kennt.

    Bücher werden immer noch so geschrieben wie im Vor-Internet-Zeitalter. Hintergründe und lexikalisches Wissen wird ausgebreitet, weil vom klassischen Leser keine eigene Recherche erwartet werden kann.

    Evolutionärer Ansatz: Im Internet ist jeder beliebiger Stil und jede Länge und Strukturierung von Information möglich. Das Internet passt sich an uns an. Vielleicht mussten wir uns früher an Bücher anpassen und merkten es bloß nicht. Immerhin war das Lesen von Büchern nie besonders populär. Die meisten Menschen lasen schon immer maximal Zeitungen und Magazine.
    Das Internet animiert die Menschheit zum Lesen und zum Schreiben in einem bisher nie erreichtem Ausmaß.

    Nicholas Carrs Verteidigung des Buchs als wichtiges Medium ist ziemlich schwach und nebulös:
    „The kind of deep reading that a sequence of printed pages promotes is valuable not just for the knowledge we acquire from the author’s words but for the intellectual vibrations those words set off within our own minds.“
    Dabei hatte er zuvor noch auf Sokrates hingewiesen. Sokrates war Analphabet. Scheint nicht zu einer Verblödung geführt zu haben. Leonardo da Vinci lebte kurz nach der Erfindung des Buchdrucks und er zeigte genau das Verhalten, das Nicholas Carr bei sich beobachtet. Er unterbrach seine Arbeiten ständig und wurde als höchst unzuverlässig angesehen. Kamen ihm seine bahnbrechenden Ideen und Einsichten durch vertiefenden Lesens langer Schmöker induzierte „intellektuelle Vibrationen“ ? Glaube ich nicht.

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  3. 1. gute lektüre fängt mich immer noch. und ich bin ein internetmaniac 😉

    2. ist eine veränderung des denken automatisch ein „nachteil“?

    ich merke selbst, wie ich innerlich ganz wehmütig dahinweine, wenn ich den text lese (der gedanke, nicht mehr in einem buch zu versinken? AAAAH!), und doch stecken dahinter genau jene „nur nicht ändern“-denkmuster, die ich anderswo verabscheue.

    ich glaube in wirklichkeit verändert sich aber die das, was uns an einer geschichte fängt und begeistert aber nicht wirklich. vielleicht muss sich die erzählweise erst anpassen (so wie sie sich auch ans fernsehen anpassen musste – romane sind heute viel schneller geschnitten als vor jahrzehnten), aber die fähigkeit geschichten zu lieben wird uns nicht verloren gehen.

    hart gesagt: keiner würde heute noch texte von jemanden lesen wollen, der wie shakespeare schreibt – außer es is shakespeare selbst, den wir aus erfahrung als wertvoll empfinden.

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  4. hmmm…
    ich denke, dass es sich um zwei korrespondierende phänomene handelt, die zumindest mich beschäftigen und nichts mit dem Untergang des Abendlandes zu tun haben.
    1. die unglaubliche größe, breite und tiefe (manchmal auch flachheit) des internet, die dazu führt, dass wir an einen riesigen Informations-Overflow leiden. Das macht uns zu schaffen. Viele haben noch nicht die richtigen Mechanismen entwickelt um damit umgehen zu können. D.h. – es fehlt die Ausbildung eines ordentlichen „Informations-Filters“, sei es, dass wir den selbst basteln (mit unseren Gehirnen), oder dass uns andere, externe Tools dabei helfen (Google, etc.)

    2. Die Entwicklung der Tabs in Browsern, die als Katalysator des gefühlten Informations-Überflusses dient (zumindest für mich fühlt es sich so an). Erst das tabbed browsing macht es möglich sich wirklich im Internet zu verlieren; werden doch beim lesen eines artikels interessante Links im Hintergrund geöffnet und für das spätere lesen bereitgehalten. Das führt dann schnell dazu, dass wir uns ein Umfangreiches Hintergrundwissen über eine Thematik zu erlangen glauben und uns von einer Seite zur nächsten entlanghanteln und beim „Aufwachen“ aus dem Surfen nicht mehr wissen was wir ursprünglich wollten, und auch nicht viel davon wissen, was wir die letzten paar Minuten/Stunden getan haben. Wir haben uns „vertabbed“.

    Dass diese Art des surfens wohl auch eine Auswirkung auf unser offline-Denken hat leuchtet mir ein, spielt allerdings mit der gesamten Verschnellerung unserer Gesallschaft zusammen (als Vergleich kann beispielsweise die Entwicklung der Länge von FIlmsequenzen herangezogen werden), ich würde daher die Schuld nicht aufs Internet schieben und diese Entwicklung nicht pessimistisch deuten.

    Zusammenfassend finde ich den Artikel von Herrn Carr also „bewustseinserweckend“ für den vom Informations-Überfluss geplagten. Er hat sein primäres Ziel erreicht – ich denke über dieses Thema nach. In weiterer Folge wäre es wohl spannend sich über geeignete Hilfsmaßnahmen zur Bekämpfung der Informationsflut bzw der daraus resultierenden Ohnmacht und Überforderung nachzudenken.
    Als schnelle Lösung etwa das Verzichten auf tabbed browsing oder eventuell, eine willkürliche Reduktion auf eine geringe Anzahl von geöffneten Tabs. Vielleicht genügt auch das bewusste erinnern an die Unmenge an Informationen die im Web zu finden sind und den alten Spruch der im Web wohl umso zutreffender ist:
    Das einzige persönlich-relevante in einer Tageszeitung ist der Wetterbericht.

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