Kreiskysche Verbürgerlichung?

politburo ist ein interessanter blog.Witzig, frech, polemisch.
Diesmal hab ich aber das Gefühl, spu ist es ernst mit seiner Warnung von einem „grünen Palawatsch“ und seinem Aufruf nach einer „Kreiskysche Verbürgerlichung“.
„Bürgerlich“, diese angeblich politsiche Kategorie verfolgt mich.
Hab hier schon zweimal drüber geschrieben, dass der Begriff mehr verschleiert als klärt.
Aber eines greif ich gern auf: Was unter Kreisky begonnen wurde, eine Schulreform , die Kindern aus weniger begüterten Familien höhere Schulen geöffnet hat, das gilt es fortzusetzen.
Ist aber die „grösste Bildungsreform der 2. Republik“ ein linkes Projekt, oder ein bürgerliches?
Eine Bildungsreform, die v.a Startnachteile aus dem Elternhaus ausgleicht, möglichst vielen Kindern möglichst umfassende Bildung (Fähigkeiten,Möglichkeiten, Selbstvertrauen, Urteilskraft) zukommen lässt?
Oder:
Die notwendige Energiewende, die von der grossen Koalition mit Sicherheit keine Priorität haben wird.
Sind diese zentralen günen Anliegen „links der SPÖ“ oder ein bürgerliches Projekt.
Ich glaube, diese Debatte ist fruchtlos.
Jeder hat in seinem „politischen Glaubenskastl“, wo „links“ oder „bürgerlich“ draufsteht, völlig Unterschiedliches drinnen.
Macht man diese Kastl auf, strömt Nebel heraus.
Geklärt wird gar nix.
Und übrigens:
Justitzminister Broda (unter Kreisky) galt vielen VPler damals als Inbegriff von linken Positionen.
Und was soll dann diese verlangte Quadratur des Kreises, die „Kreiskysche Verbürgerlichung“?
Einmal mehr geht es hier um Stilfragen (Kreisky hatte Manieren und Massanzüge), weniger um die Substanz.
Grün wird jetzt Anwalt der versprochenen Bildungsreform sein, laute Stimme in der (rot-schwarzen) Umweltwüste, und v.a. auch darauf achten, dass in jenen Bereichen Österreichs, wo Deklassierung droht, gegengesteuert wird, dass fie F nicht wieder weit über 20% kommt.
Letzteres können wir sicher nicht allein.
Und bittschön, was ist das jetzt?
Bürgerlich oder links von der SP?
Und hat die Beantwortung dieser Frage irgendeine Relevanz?

2 Gedanken zu “Kreiskysche Verbürgerlichung?

  1. politik der gefühle die kreiskysche verbürgerlichung hat die emotionale sicherheit gegeben, dass mancher stein am andern bleibt und net alles durcheinanderkommt; der mensch ist bequem (und verunsichert), und da will er, wenn er schon für eine änderung votieren soll, das gefühl haben, dass es trotzdem so bleibt wie es ist. das ist ein paradoxon und bruno kreisky hat es geschafft, dass er trotz broda etc.etc. vier wahlen gewonnen hat. natürlich ist „bürgerlich“ und „links“ und „rechts“ in der sache ein nebelwewrfer, aber es gibt eben auch die politik der gefühle, die bedient werden wollen, und man darf das nicht nur denen überlassen, die voller negativer gefühle und hass sind. das find ich ist die grüne herausforderung, und auch wenn 11 prozent ganz schön sind: wie sich zeigt reicht das für nix.

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  2. Mein Rezept gegen Rechts. Sorry für den etwas längeren Comment, aber ich würde mich über Feedback sehr freuen:

    Ich glaube auch eher, dass die Debatte um Begriffe wie „Bürgerlichkeit“ mehr vernebelt als erhellt. Dahinter steht aber die Frage, wie man in jenen Bereich vordringen kann, der bisher Parteien rechts bis weit rechts der Mitte gewählt hat, ohne dabei seine Identität aufzugeben. Und diese Frage ist mehr als wichtig, denn die Grünen sind jetzt bei jenen 10-12%, die man mit einem Wahlkampf der Marke „intellektuell“, „ehrlich“ und „sachorientiert“ erreichen kann, sofern er professionell durchgezogen wird. By the way, bei den Arbeitern: 0% reichen sicher nicht. Und insgesamt müssen es nächstes Mal 5% mehr sein, nicht 1%.

    Politik der Gefühle und Stilfragen darf man auch nicht abtun, aber ich hätte darüberhinaus einen inhaltlichen Vorschlag: mehr, viel mehr Demokratie. Und zwar direkte Demokratie. Und jetzt nicht gleich mit dem Abwehrreflex gegen das Schweizer System kommen. Dahinter steckt viel mehr.

    Man muss dieses Thema so aufbereiten, dass klar wird, dass man damit eine Menge an Problemen lösen könnte, zu deren Lösung die Parteien sich als unfähig erwiesen haben (und dafür sind Transparenz der Parteienfinanzierung und Zerschlagung des Medienkartells nur die oberflächlichsten Beispiele). Und dann hat man einen echten Trumpf, mit dem man in rote, schwarze und sogar rechtsrechte Wählerschichten eindringen könnte.

    Was könnte direkte Demokratie in Ö heissen? Nicht Abstimmen über alles und jedes, aber zB verpflichtende Volksabstimmungen nach Volksbegehren, die mehr als 500.000 Stimmen erreichen, wenn die Inhalte nicht binnen einer Frist vom Parlament umgesetzt werden. Die Vorteile wären vielfältig:

    – Es gäbe eine Vielzahl an Themen, für die sich jenseits aller Parteiengrenzen Mehrheiten in der Bevölkerung finden liessen, bei denen sich die Parteien aber gegenseitig blockieren oder ideologisch festfahren oder gemeinsame Interessen haben, die nicht im Interesse des Volks sind.

    – Dem Ärger mancher (nicht mehrheitsfähiger) Gruppen über einzelne Fragen könnte bei Abstimmungen Luft gemacht werden, die Wahlen verkommen weniger zu Protest- und Denkzettel-Aktionen.

    – Die öffentliche Diskussion müsste sich im Vorfeld von Abstimmungen zwangsläufig auf die Sachfrage konzentrieren, die politische Bildung würde sich verbessern, die Abwendung von der Politik würde abnehmen, das Gefühl etwas verändern zu können, zunehmen.

    – Einmal getroffene Entscheidungen durch das Volk können auch von Populisten nur viel, viel schwerer angegriffen werden.

    – uU auch Verfassungsänderungen „über das Volk“ holen, für Regierungen, die keine 2/3-Mehrheit hinter sich haben.

    Und für eine solche Entwicklung gäbe es genau JETZT, im Zuge der Bildung einer neuen grossen Koalition ein strategisch günstiges Zeitfenster. Wenn, ja wenn es eine starke Stimme dafür gäbe, dass die kommende grosse Mehrheit für genau diesen grossen Wurf genutzt werden muss. Und zwar nicht zuletzt im eigenen Interesse der Grossparteien… darstellbar als eine Art Schutzimpfung gegen das Wiedererstarken des Rechtspopulismus bei kommenden Wahlen.

    Gelingt das erwartungsgemäss nicht gleich, dann haben die Grünen eben ein echt breitenwirksames Thema für den nächsten NR-Wahlkampf gegen Rot-Schwarz. Glaubwürdigkeit schafft man, indem man ein Thema auch ausserhalb des Wahlkampfs für zentral erklärt.

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