Kommentar von Christopher Widauer

Christoph Chorherr gehört zu den wenigen Menschen, die zuhören können: Und zwar so intensiv, dass er damit seine Gesprächspartner immer wieder sehr verunsichert, auch ohne Fragen zu stellen—er lässt sie einfach reden, und hört genau zu. Das bedeutet aber keineswegs, dass er sofort Meinungen übernimmt. Er hat starke Grundsätze, besonders in den Kernbereichen seiner politischen Aktivität, wie ich sie kennen gelernt habe: Stadtplanung und Architektur, Verkehr, Bildung, Entwicklungspolitik—und vor allem einen klaren Blick darauf, wie eng verflochten diese Ebenen der Gesellschaft miteinander sind. Dass es eben keinen Sinn hat, über Architektur nachzudenken ohne über Verkehrspolitik, über die Belebung der Stadt zu sprechen ohne über die Bildung, über städtische Raumordnung ohne über Sozial– und Immigrationspolitik.
Deshalb vertraue ich auch seinem „Manifest“. Es ist sicher wichtig, junge, kreative Menschen in die Stadt zu holen, ihnen gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Chorherr hat recht—die Stadt gewinnt mit solchen Menschen, sie wird lebendiger, und das kommt uns allen zugute.
Und dennoch glaube ich, dass wir auf einige andere Fragen zuerst Antworten finden müssen, auch kommunalpolitische, gerade in Wien.
Wir haben eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit in Wien: Und das sind nicht nur junge „Kreative“, sondern ganz normale junge Menschen—was machen wir mit denen? Unter ihnen sind viele, deren Eltern, zunehmend Großeltern erst nach
Wien gekommen sind, aus Bosnien, der Türkei, Polen, Taiwan und vielen anderen Ländern. Welche ernstzunehmende Angebote des miteinander und füreinander Lebens gibt es in Wien für sie?
Noch bewegen wir uns alle sicher in Wien, auch kritische Geister auf allen Seiten. Wie lange noch? Manch eine europäische Stadt ist böse erwacht aus ihrem Schlummer. Auf welche Werte wollen wir unsere Gesellschaft bauen?
Solange wir einer intellektuell abgehalfterten Kirche diese Brache überlassen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn auf der gegenüberliegenden Seite islamische Geistliche beginnen, ihre Werte auszusäen. Wo stehen die Grünen—auf der Seite
einer säkularen Bürgergesellschaft? Oder heiraten sie doch zu gerne kirchlich?
Solange wir ausgezehrte Gewerkschaften und eine Sozialdemokratie, die sich selbst aufgegeben hat, bestimmen lassen, was gerecht ist, dürfen wir uns nicht wundern, wenn ein Herr Haider mit der X–ten Gurkentruppe in dieses Vakuum
posaunt: „Wir sind die erste Bewegung, die gegen Globalisierung und Kapitalismus auftritt.“ Was heißt Gerechtigkeit im Grünen Sinn?
Gerecht zwischen alt und jung, gerecht zwischen Erwerbsarbeiter und Arbeitslosem, zwischen arm und reich? Zwischen alteingesessener Wiener Anwaltstochter und Immigrantin in zweiter Generation, die akzentfrei deutsch spricht, die Schule und ihr Jusstudium mit Auszeichnung und in Rekordtempo absolviert hat und dennoch etwa in der städtischen Verwaltung chancenlos bleibt? Zwischen alteingesessenem Wiener Hausmeisterssohn mit Gemeindewohnung, Job bei der Stadt und Schrebergarten in dritter Generation und einem jungen Türken mit österreichischer Staatsbürgerschaft, der aus Perspektivlosigkeit auf der Triester Straße Autorennen fährt und in eine Anti–Integrationscommunity abkippt, vor deren Inhalten und Rücksichtslosigkeit selbst seinem Vater graut, der—anders als sein Sohn—regelmäßig in die Moschee geht? Diese Fragen stellen sich wohlgemerkt eben auch auf der kommunalen Ebene, und die Grünen Antworten darauf zeigen meist wenig Tiefgang und Einigkeit.
Wie soll es mit Wien weitergehen? Ja, ich teile Christoph Chorherrs Ziel, dass die Stadt lebendiger, frischer, beweglicher, risikofreudiger werden muss. Aber ohne Unterbau, ohne starkes Fundament an Überzeugungen, die immer den
Ausgleich, die gerechte Verteilung von Chancen und Mitteln im Auge hat, birgt die Verfolgung solcher Ziele große Gefahren.
Die eine Horrorvision zeigt eine Stadt aus leeren Straßenzügen, statt Geschäften, Werkstätten, Gassenbüros, Cafés und Beisln nur mehr Garageneinfahrten, Systemgastronomie und Outlets von großen Konzernen, die Menschen wohnen in Ghettos nach Religion, Hautfarbe und abgestuft nach Einkommen, die Viertel untereinander abgeschlossen, die reichen Quartiere mit
kontrollierten Eingängen, ihrem eigenen Sicherheitsdienst, ihrer eigenen Gesundheitsversorgung.
Aber nicht viel besser erscheint mir die Idee, in ganzen Vierteln nur mehr „junge Kreative“ zu treffen, die—meistens gut verdienend und aus jedenfalls wirtschaftlich besseren Verhältnissen stammend—Urbanität schon wollen, aber nur die angenehmen Seiten davon: Eine sterile, schicke Stadt ohne soiale Gegensätze, eine homogene neue Biederkeit, eine Art Hamburg ohne Hafen, München ohne Hofbräuhaus, Berlin ohne Osten, blutleeres Design.
Natürlich wollen wir alle eher die angenehmen Seiten! Aber Politik muss eben immer dafür sorgen, dass Solidarität und gerechte Verteilung der Chancen und Ressourcen nicht aus dem Blick geraten. Bei den Grünen habe ich manchmal Angst, dass vor lauter ideologie– und politikfreiem, haltungslosem Aktionismus diese Hauptaufgabe von Politik außer Acht gerät.
Würde ich Christoph Chorherr nicht kennen, fände ich in seinem Manifest zu wenig davon. Aus vielen Gesprächen und seiner politischen Arbeit bisher aber weiß ich, dass es auf einer guten Basis steht. Seinen Vorzugsstimmen–Wahlkampf unterstütze ich von ganzem Herzen, weil ich mir für Wien wünsche, dass dieser fähige Kopf mit Kompetenz, Verstand, Erfahrung und Öffentlichkeitswirksamkeit als treibende Kraft der Grünen weiter eine wichtige Rolle spielt. Er hat das Herz am rechten Fleck und garantiert Anstand und eine faire politische Auseinandersetzung: Ich gebe gern zu, dass ich so altmodisch bin, mir auch das zu wünschen!
Christopher Widauer ist Gründer und Leiter des Kabinetttheater.
Bildhinweis: christopher widauer mit seinem onkel. foto: matthias cremer

Ein Gedanke zu “Kommentar von Christopher Widauer

  1. Als ich im Standard (vor allem diestandard.at) mich in die Diskussion um das Kopftuchtragen einmischte, habe ich von allen Seiten haufenweise Prügel einstecken müssen. Ich glaube, dass die Debatte um Multikulturalität (und darauf läuft sie immer hinaus) noch lange nicht zu Ende diskutiert ist und dass auch die liberal gesinnten Menschen in dieser Gesellschaft sich nicht vorzeitig daraus verabschieden dürfen.

    Oft wird in Wien von den Menschen, die es gut meinen, gesagt, dass Wien um die Jahrundertwende (19./20.) ein meltingpot von verschiedenen Kulturen und Religionen war, und dass Wien danach nie wieder auch nur annähernd diese kulturelle Bedeutung hatte. So weit so richtig. Wenn man sich allerdings näher ansieht, wie die Verhältnisse in Wien der damaligen Zeit waren, scheint es schon nicht mehr so golden gewesen zu sein, dieses Zeitalter. Erst um 1867 wurde die Stadterweiterung begonnen, bis dahin lebten die Menschen in vergammelnden, sanitär fürchterlichen ungesunden Verhältnissen, die man sich heute kaum mehr wünschen kann. In großem Umfang hat sich diese trostlose Wohnsituation erst um die Jahrhundertwende gebessert, da in dieser Zeit viel gebaut wurde. Aber trotzdem waren diese Wohnungen unleistbar für eine Vielzahl und diese Menschen mussten sich erst wieder andere, leistbare Wohnungen suchen. Die heute oft als hässlich störenden „Mietskasernen“ der 20er Jahre, die mit der Wohnbausteuer von den Reichen finanziert wurde (Wolfgang Hagmann würde sich freuen), machten dieses Grauen ein bisschen besser. Und dann kam Weltwirtschaftskrise und Rezession. Ich denke mir oft, dass es wirklich spannend gewesen wäre zu wissen, wie diese Entwicklung weiter gegangen wäre, wenn der Krieg nicht gekommen wäre. Man denke nur an die 20er Jahre und ihre Mode, die 30er und ihre Malerei, Musik, Kunst, Architektur. Und dann das.

    Was wir heute erleben würde ich als neue Gründerzeit betrachten. Wieder einmal. In den letzten Jahren wird eine Unmenge Grünland vor der Stadt verbaut. Es entstehen neue Stadtachsen und Zentren. Bedingt durch Krisen in der näheren und ferneren Umgebung Österreichs kommt es zu Migrationsbewegungen ähnlich denen in den 0er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Und die Probleme sind die gleichen wie damals. Auch in der guten alten Zeit hat es Aggressionen und Ablehnung gegenüber Anderen gegeben. Es wäre naiv anzunehmen, dass sich die Menschen seither wesentlich geändert haben. Damals waren diese sozialen Spannungen mit ein Grund für den Weltkrieg II, heute fliegen U-Bahnen in die Luft. Die Angreifer kommen von der anderen Seite.

    Ich glaube aber trotzdem, dass das Projekt Multikulturalität beginnen sollte. Wenn wir anfangen, Integration nicht mit Assimilation zu verwechseln, wenn wir anfangen uns für die Fremden mehr und offener zu interessieren und ihnen das Gefühl geben, eine neue Heimat gefunden zu haben, werden diese vielleicht nicht so leichte Köder für Rattenfänger, die ihnen die Chimäre einer Herkunft versprechen. Orientierungs-, Zukunfts- und Hoffnungslosigkeit sind eine gefährliche Mischung. Die im Artikel angesprochene Separation und Ghettoisierung ist in Wien Realität. Wir müssen uns Wege überlegen, diese rückgängig zu machen. Die Öffnung der Gemeindebauten gemeinsam mit Integrationsexperten an Ort und Stelle in Form von Anlaufstellen, Schlichtungsbüros, Beschwerdekästen könnten dazu beitragen, dass die reflexhafte Ablehnung einem langsamen Interesse weicht.

    Vielleicht bin ich naiv, aber man sollte es versuchen.

    Herzlichst

    DMR

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