der masslos Überschätzte

kurze Nachlese zur ORF-Wahl:
wer den ORF ein bisschen von innen kennt, dem musste seit langem klar sein:
Das Duo Lindner/Mück ist völlig überfordert, das Unternehmen vom weiteren Abstieg zu bewahren, und hat innerhalb des ORF keinerlei Rückhalt.
Inkompetenter Führungsstil ,keinerlei Visionen, Unfähigkeit Mitarbeiter zu motivieren, mangelnde Kommunikation nach innen wie nach aussen, etc.
So musste man unter den 4000 Mitarbeitern des ORF jene Menschen mit der Lupe suchen, die auch nur irgendein positives Wort über die beiden formulieren konnte.
Auch unter „bürgerlichen“ Stiftungsräten gab es etliche, die die offensichtlichen Schwächen von Lindner kannten und auch formulierten.
Vor ein paar Wochen noch wäre es möglich gewesen, einen anderen, dem „bürgerlichen“ Lager zugerechneten Kandidaten, z.B. den ohne Zweifel kompetenten Wofgang Lorenz vorzuschlagen.
Und mit geschickten Verhandlungen hätte sich ziemlich sicher dafür eine Mehrheit gefunden.
Aber so „funktioniert“ Schüssel nicht.
Drum sei an dieser Stelle einmal heftig jener (auch von leidenschaftlichen Schüssel-Gegnern) oft geäusserte Meinung widersprochen, dass der Bundeskanzler ein gewiefter „ausgefuchster“ Taktiker und Verhandler sei.
Nicht nur die für die VP desaströs verlorene ORF Wahl zeigt ein völlig anderes Bild.
Hier ist jemand so von sich und seiner Meinung derart überzeugt, dass er nicht mehr erkennt, welchen Spielraum für Politik er hat.
Wie kann man so verblendet sein, Lindner für die beste Führungsperson zu halten.
(übriges: Wie kann man so verblendet ein, Gehrer für die beste Bildungsministerin zu halten)
Wenn man so verbohrt (abgehoben, isoliert, von seiner eigenen Macht geblendet) ist, muss man verlieren.
Wird vielleicht jetzt klarer, warum Österreich bei so vielen Verhandlungen auf EU Ebene (Transit- Gentechnologie, etc.) verliert, seine Interessen nicht durchsetzen kann.
Dazu müsste man verhandeln können, andere Interessen einbinden, sie mit den eigenen verknüpfen, Allianzen schmieden, kurz Politik machen.
Sonst verliert man alles.
Wie jetzt die ÖVP.
Es ist Zeit, ein neues Bild von Wolfgang Schüssel zu zeichen.

4 Gedanken zu “der masslos Überschätzte

  1. Das falsche Bild ist ja auch nur durch Ereignisse entstanden, auf die Schüssel kaum direkten Einfluss hatte: Zunächst, dass er 2000 als Dritter Bundeskanzler wurde. Aber für die ÖVP gings damals ums Überleben als Grosspartei, daher war parteitaktisch keine „grosse“ Koalition mehr denkbar und gleichzeitig war auch der FPÖ klar, dass ein FPÖ-Kanzler national und international nicht möglich gewesen wäre. Zweitens wurde er 2002 Erster, aber vor dem Hintergrund einer zerbröselten FPÖ. Dass es die FPÖ zerbröselt hat, war ebenfalls nicht Schüssels Verdienst, im Gegenteil, sie wäre vor Knittelfeld trotz Regierungsbeteiligung und Positionierung als Protestpartei nach allen Umfragen über 20% gelandet und damit für immer als Mittelpartei salonfähig geworden. Die Ausrufung der Neuwahl nach Knittelfeld war keine Taktik, sondern alternativenlos. Die Einbindung von Grasser kam fürs Abräumen der FPÖ-Stimmen dann gerade recht, als „genial“ würde ich das aber auch nicht bezeichnen, eher schon als „aufglegt“.

    Die 1995 von Schüssel vom Zaun gebrochene Neuwahl (samt tollem „Schüssel-Ditz-Kurs“) ging bekanntlich schief.

    Und die einzige Chance, die er hatte, sich zu einem wichtigen Kanzler der 2. Republik zu machen, hat er in den Regierungsverhandlungen Anfang 2003 vergeben, als er sich in vollem Bewusstsein für den kurzsichtig scheinbar leichtesten Weg entschied und wieder mit der FPÖ zusammenging. Busek hat das bei „Wiesner fragt“ ähnlich eingeschätzt…

    Und schliesslich: wenn aus der Episode Schüssel am 1.10. eine Ära werden sollte, wird er wieder mehr Glück als Verstand gehabt haben. Merci, Marcel.

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  2. Seh ich ganz anders Eine Charaktereigenschaft, die ich an W. Schüssel erkennen kann ist 120 Prozentige
    Loyalität, der er für sich fordert aber scheinbar auch vorlebt. In JEDEM anderen Staat
    der Welt wäre ein Grasser zum Rücktritt gezwungen worden, Gehrer würd vermutlich
    nirgendwoanders sich mit dieser Bilanz so lange halten und Lindner würde vermutlich
    auch nicht viele Länder finden, in denen die Regierungspartei so hinter ihr stehen
    würde. Und das alles ist meiner Meinung nach der Loyalität Schüssels anzurechnen.

    Ich glaub nicht dass er einen „aus seinen Reihen“ abschiesst oder fallen lässt, und ich
    glaube auch, dass das einen Teil seines Erfolgs ausmacht. Nämlich dass die Wähler
    das Gefühl haben: „Der steht zu seinen Leuten“.

    Ich glaub nicht, dass es Verbohrtheit oder Abgehobenheit ist (Was in anderen
    Punkten natürlich sehr wohl zu sehen ist), sondern einfach Loyalität, aus dem eigenen
    Antrieb aus oder aus Berechnung, dass es nicht gut kommt, wenn man seine Leute,
    mit denen man gestern noch befreundet war, ohne Hemmungen einen Tag später
    abschiesst.

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  3. Feedback war nie die Stärke unseres Kanzlers.

    Aber nun zum ORF. Es wurden schon einige Entscheidungen im Programmbereich

    getroffen, die ich nicht verstehe.

    1.) Warum 2x in der Woche UNIVERSUM?

    2.) Warum NEWTON als Konkurrenz zu BUNDESLAND-HEUTE??

    3.) Wieso überhaupt BUNDESLAND-HEUTE am Sa/So/Fei???

    4.) Bissigere Hintergrundsendungen (REPORT)

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  4. Vielen Dank für Ihren Kommentar.

    Ich bin an sch kein Schüssel-Gegner,
    ich halte ihn im Gegenteil für einen der (wenigen) Aktivposten dieser Regierung.
    Und ich hielt ihn vom Politik-technischen her bisher für recht gut.

    Aber Sie haben recht, die ORF Wahl war taktisch sehr schwach, und auch wenn ich in
    diesem speziellen Fall seine Niederlage begrüße, ist die Konsequenz, die Sie daraus ziehen
    (große Abgehobenheit), bedenklich.

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