Was ist so schlimm an der Gesamtschule?

Teacher ist AHS Lehrer, offenbar häufiger Besucher meines blogs und Kritiker der Gesamtschule (siehe sein letzter Kommentar)
Ist vielleicht fruchtbar, eine niveauvolle Diskussion zu führen.
1. Die von Ihnen zitierte Studie ist mir auch aufgefallen.
Hier kann ich mich (wahrscheinlich wie Sie) nur über viele Eltern wundern und sie heftig kritisieren. Wer einem 7 oder 8 Jährigen den eigenen Fernseher ins Kinderzimmer stellt, überfordert ein Kind total.
Wie soll es alleine z.b. einen Zugang zum Buch finden, wenn per Knopfdruck jedwede Sendung abrufbar ist?
(Es geht mir nicht um das Fernsehgerät an sich – im Wohnzimmer – sondern um jenes im eigenen Kinderzimmer)
Kein Wunder, dass diese Kinder schlechtere Leistungen bringen.
2. Aber: Das ist für mich kein Argument, bereits 10 Jährige in „begabt“ heisst „Matura“ heisst „gesellschaftliche Position“ und vice versa zu trennen, sondern so wie überall (!!) in Europa, mit Ausnahme Deutschlands und Österreichs diese Trennung erst vor der Oberstufe vorzunehmen.
3. In einer gemeinsamen Schule der 10-15 jährigen zu lernen , heisst auch nicht, dass alle alles gemeinsam machen müssen. Auch hier kann und soll bereits je nach Begabungen,Interessen aber auch Fördernotwendigkeiten differenziert werden.
Dazu braucht man auch speziell ausgebildete Personen, auch Sozialarbeiter/innen , die gerade diesen Förderunterricht organisieren sollen.
Das kann, da haben Sie recht, der klassische AHS Lehrer nicht alles anbieten.
4. Diese gemeinsame Schule bietet v.a. die Chance, dass jene, die vom Elternhaus („bildungsferne Schicht“ oder nennen wir es beim Namen „Unterschicht“) benachteiligt sind, auch andere Milieus kennenlernen, sich andere Freunde suchen und „aufsteigen“ können.
5. Wenn Finnland, das, wie ich hier in Grafiken gezeigt habe, deutlich bessere Gesamtergebnisse bringt UND gerechter ist, mit einer gemeinsamen Schule (samt innerer Differenzierung“ zm PISA Sieger wird, dann versteh ich nicht, wieso sich so viele AHS-Leher dagegen sträuben.
6.Die Angst, dann mit Hauptschullehrern auf eine Stufe gestellt zu werden, die weniger verdienen, verstehe ich dann, wenn damit Gehaltskürzungen verbunden wären. Das ist, wenn es nach uns geht aber nicht der Fall, und angesichts der Macht der Lehrergewerkschaft auch nicht zu erwarten.

9 Gedanken zu “Was ist so schlimm an der Gesamtschule?

  1. Schritt für Schritt Ein erster Schritt – vor allfälligen Umstrukturierungen des gesamten Schulsystems – wäre endlich die Klassenschülerhöchstzahl auf ein vernünftiges Niveau zu senken! Und zwar abhänging von den jeweiligen Bedürfnissen (Fach, vorhandene Sprachmängel, Förderbedarf etc.) – auf jeden Fall kann es keinen sinnvollen, d.h. differenzierenden Unterricht mit mehr als 25 Kindern pro Klasse geben!

    Optimal sind Lerngruppen von 10-15 Kindern, sicher kostet das Geld – aber das ist die einzige sinnvolle Investition in die Zukunft einer westlichen Gesellschaft!

    Das Problem an den Hauptschulen ist ja nicht generell, dass dort nur die „Unterschicht“ reproduziert würde. Tatsächlich sind es fast nur die Hauptschulen in Ballungsräumen mit hohem Anteil an Migrationshintergrund, die diesen schlechten Ruf haben. Zusätzlich kommen sicher noch die Kinder aus Familien, die keinen besonderen Wert auf Bildung legen (können). Hier gilt es anzusetzen: Kleingruppenunterricht und spezifische Förderung.

    Ob das Problem mit Gesamtschulen zu lösen ist, wage ich zu bezweifeln. Was wäre die Konsequenz einer „erzwungenen“ Vermischung? Es gäbe keine Differenzierung zw. den Schultypen mehr sondern eine Differenzierung zw. einzelnen Schulen bzw. innerhalb von Schulen! Dann schickt die „Oberschicht“ eben die Kinder nicht mehr ans „Gymnasium“ sonder ans XY-Gymnasium. Und im XY-Gymnasium gibt es die A-, B-, C- etc. Klassen, wobei die „bildungsfernen“ Kinder in den ungeliebten Klassen gesammelt werden.

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  2. Finnische Matura ist nichts wert Sehr geehrter Herr Chorherr!

    Wußten Sie, daß die finnische Matura vor einigen Jahren nicht mehr ausgereicht hat, um an deutschen Universitäten zugelassen zu werden?
    Dh sie haben junge Menschen, die zwar gut und schnell lesen können, aber diese Fähigkeit nicht dazu einsetzen um Bildung zu erwerben, sondern um den Untertiteln im Fernsehen folgen zu können…

    Finnland hat nur deshalb eine Gesamtschule, weil das Land so groß wie Deutschland ist, aber nur fünf Millionen Einwohner hat. Es ist dort schlicht und einfach unmöglich ein differenziertes Schulsystem aufrecht zu erhaten.

    Was wir aber aus Finnland übernehmen könnten wäre, daß (AHS)-Lehrer nicht mehr soviel bezahlt bekommen und jederzeit kündbar sind…

    mfg
    Theodore

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  3. Lebenslanges Lernen „Zuviel Fernsehen“ führt laut der in der Presse zitierten Studie also zu schlechten Noten?

    Ich wage eine – freilich weniger schlagzeilenträchtige – These: Spielerisch-produktiv gewidmete ZEIT für und mit Kindern führt unter anderem auch zu besseren Noten. Vorlesezeit, gemeinsames Spielen, Unternehmungen und überhaupt eine liebevolle Beschäftigung mit allem, was das Leben lebenswert macht führt zu Zufriedenheit bei Gross und Klein – und nebstbei auch zu besseren Noten.

    Wenn für alldas zuwenig Zeit vorhanden ist oder einfach die Geduld fehlt, dann ist im Extremfall eine Form von kindlicher Verwahrlosung die Folge, die man natürlich nicht nur am unteren Ende der „sozialen Skala“ findet. Und die grosse Leere wird nur allzugern mit Fernsehen oder anderen elektronischen Babysittern aufgefüllt. Freilich werden die Probleme in ökonomisch schlechter gestellten Familien in der Regel grösser sein…

    Eine statistische Korrelation (hier: viel Fernsehen – schlechte Noten) sagt uns leider wie so oft gar nichts über Ursache und Wirkung. Fernsehen macht natürlich nicht dumm, aber Dinge wie Lesen, Spielen, fröhlich sein und geliebt werden machen schlau. Dann gibt es in der Regel auch weniger Bedarf und schlicht weniger Zeit für die Glotze. Eigentlich eine Binsenweisheit.

    @teacher: Zitat von Ihnen: „Fingerschnipp. Gesamtschule macht’s wieder gut. Super. Falsch.“

    Es gibt wie meist im realen Leben keine Patentrezepte. Die relevante Frage ist daher nicht, ob die Gesamtschule für 6-15jährige ein Allheilmittel ist, sondern ob sie Probleme etwas besser bewältigen kann als ein aussortierendes Schulsystem.

    Die Erfahrung in Österreich und international lehrt uns, dass „Integration“ praktisch überall besser ist als „Segregation“. Deshalb haben wir erfolgreich den „B-Zug“ in den Hauptschulen abgeschafft. Deshalb haben wir gute und erfolgreiche Schritte im Bereich der Behinderten-Integration gemacht. Und deshalb sollten wir jenen Kindern, denen Vorlesezeit, Spiel, Unternehmungen etc. gefehlt haben eine Chance geben, indem wir sie mit Kindern zusammenbringen, denen es besser ergangen ist. Und das Erstaunlichste und Ermutigendste daran ist, dass das auch den Kindern, die bereits voraus sind, enorm viel bringt…

    Freilich wird es in Zukunft umso weniger damit getan sein, den Frontalunterricht 1:1 fortzusetzen und alle zu ignorieren, die nicht mehr folgen können, weil sie entweder überfordert sind oder so stark unterfordert sind, dass sie die Fadesse im Kopf nicht mehr ertragen. Das wäre die Herausforderung der „inneren Differenzierung“ und „individueller Förderung“. Ohne neue A-, B- und C-„Züge“!

    By the way: Dass die Zusammenarbeit zwischen Pflichtschullehrern und AHS-Lehrern ausgezeichnet funktionieren kann, das machen die existierenden „integrativen Mittelschulen“ ja längst vor… worauf also warten? Für die Zukunft braucht es eine einheitlichere Lehrerausbildung, keine Frage.

    Gefordert ist lebenslanges Lernen – auch für Lehrer!

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  4. Wenn man sich nach der Volksschule schon zwischen Gymnasium und Hauptschule entscheiden muss, ist das auch für den Betroffenen, also den Schüler, ein ernstes Problem. Bei meinem kleinen Cousin steht genau das jetzt an. Und bei vielen zählt nicht nur, ob er das Gymnasium jetzt schaffen würde oder nicht (kann man das von einem 10 Jahre alten Kerl eigentlich schon sagen?), sondern ob jetzt alle Freunde ins Gymnasium oder in die Hauptschule gehen. Natürlich eine sehr objektive Entscheidung, oder? Und nach den 4 Jahren kann man erst wieder hin und her wechseln, wie man will.

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  5. Danke für den link:
    Genau! In Korea gibt es das 6-3-3-System, also eine lange Grundschule und Gesamtschule + frühe Einschulung. Ähnlich wie in Frankreich: 5-4-3.
    Der Unterschied? Die kleinen Koreaner schneiden toll ab, die Franzosen liegen im schwachen Mittelfeld und haben unglaubliche Probleme und „heiße Zonen“ (ZEP)
    Mein Schluss: Die Gesamtschule erklärt die Erfolge Koreas nicht, ich suche daher andere Gründe.

    Mein zweiter Schluss: Wenn wir in Österreich zukunftsträchtige Reformwege für die Schule suchen, dann reicht eine Umstellung auf die Gesamtschule sicher nicht. Sie gefällt nur manchen Politikern, weil sie schnell kosmetische und statistische Wirkungen erzielen könnte (wie bei der Frühwarnung)

    P.S.: In Frankreich wurde durch das Gesamtschulsystem die soziale Reproduktionswirkung des Bildungssytems nicht verhindert. Dort machen Kinder von Maturanten weiter die Matura (+Studium), Kinder von Immigranten weiter die Drecksarbeit. Und wer es irgendwie schafft, geht in eine „gute Schule“ (da gibt es unglaubliche Tricks, das zu erreichen!).
    Bitte neue Ideen ausprobieren, die Gesamtschule für sich allein bringt’s nicht!

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  6. Ich bin ein gebranntes Kind:
    Idealisten fordern eine umfassende Reform Richtung Gesamtschule, Politiker installieren die Gesamtschule ohne umfassende Reform.

    Beispiel aus der Vergangenheit: Die Frau Minister spricht von einer Fremdspracheninitiative. Die Folge war eine Reduktion der Französischstunden.

    So läuft das bei uns.

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  7. @Alex Bitte genau lesen.
    Ich kenne das koreanische System, natürlich auch die negativen Auswirkungen auf manche Schüler. Ich habe in Korea auch den Konfuzianismus im Alltag erlebt – und positive Erinnerungen daran.
    In meinen Worten „beinhart“ und „in großen Mengen verfügbar“ steckt bereits meine Kritik an diesen Verhältnissen drinnen.
    Bei den PISA-Vergleichen werden diese Tatsachen ausgeklammert, in der Globalisierungsdebatte auch.
    Vielleicht sind wir uns darin einig, dass es neben den statistisch vergleichbaren Daten aus PISA noch wichtigere Dinge in der Erziehung und Bildung von Kindern gibt?
    Konstruktive Argumente für eine Gesamtschule habe ich in Ihrem Beitrag vermisst.

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