und wieder mal bürgerlich

schon einmal bin ich hier der Frage nachgegangen, ob „bürgerlich“ eigentlich eine sinnvolle politische Kategorie darstellt.
Inzwischen hat dieser Begriff v.a. in Deutschland Konjunktur.
Und manche versuchen sich sogar in interessanten Definitionen
„Bürgerliche Tugenden“ seinen v.a. Individualität, Mündigkeit, Selbstorganisation, meint z.b. Manfred Hettling , Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Halle in der zeit
interessant zu lesen.

Ein Gedanke zu “und wieder mal bürgerlich

  1. Historische Kategorien Das Zeit-Interview wirft ja einige gute Fragen auf. Ich halte es aber für sehr unglücklich solche Debatten unter Begriffen wie (neue) „Bürgerlichkeit“ führen zu wollen. Das bringt nix ausser tausenden irreführenden Assoziationen und jeder Menge Ablenkung von den eigentlichen Themen.

    Wesentlich erscheint mir, dass das „Bürgerliche“, genauso wie etwa der „Liberalismus“ oder der „Sozialismus“ historisch entstandene Begriffe sind. Alle diese Begriffe sind hochgradig vorbelastet, man kann mit jedem dieser Begriffe eine Menge an historisch verdienstvollen Errungenschaften verbinden und man kann sie aufgrund ihrer jeweils nicht nur positiv, sondern auch negativ schillernden Vergangenheit auch prächtig zur Diffamierung des jeweiligen (partei-)politischen Gegners verwenden.

    Oft dient die Verwendung solcher Begriffe dazu, zu suggerieren, man müsste dem jeweils Anderen eigentlich gar nicht zuhören, denn er sei eben der Ideologie der Bürgerlichen / des Liberalismus oder gar Neoliberalismus / des Sozialismus etc zuzurechnen, seine Argumente seien daher ohnehin genauso altbekannt wie überholt und – falsch.

    Der Begriff „bürgerlich“ dient dann so wie andere Klassifizierungen vorwiegend als politische Waffe, die durch Punzierung des Gegenübers die Diskussion über die politischen Sachfragen erschweren soll… es fehlen bessere Argumente.

    Die Begriffe selbst sind in Wahrheit allesamt nur von historischem Interesse… und wie Pelinka selbst sagt, lässt sich das Wahlverhalten heute zwar in Korrelation bringen mit Geschlecht/Generation/Bildung, aber was für einen politikwissenschaftlichen Wert soll es bitte haben die Partei der – überspitzt formuliert – „jungen, gebildeten Frauen“ als „bürgerlich“ zu bezeichnen?

    Politikwissenschaftlich aktuell wäre allenfalls eine Beschäftigung mit dem Begriff der „Urbanität“, aber in diesem Sinn des „Stadtbewohners“ wird der Begriff des „Bürgerlichen“ nicht mehr vorwiegend verstanden…

    Wenn der Befund lautet, dass die Söhne und Töchter der (relativ gebildeten) „Bürgerlichen“ heute unter den Grünen überrepräsentiert sind, dann schwingt öfter mal folgender Pauschalverdacht mit: die saturierten und gelangweilten Besserverdiener der 2. Generation haben halt nichts anderes zu tun als sich um die „Umwelt“ zu kümmern.

    Ich hätte da eine These anzubieten, die die Interpretation solcher Statistiken in einem etwas anderen Licht erscheinen lässt: Ich sehe einen Zusammenhang mit der hier schon mal präsentierten Grafik der Signifikanz der Bildungsherkunft für die Bildungszukunft des Einzelnen: Wenn die Schicht der besser Gebildeten hinsichtlich Ihrer Herkunft stärker durchmischt wäre, dann wäre wahrscheinlich auch die Elternschaft heutiger Grüner sozial stärker durchmischt!

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