suedafrika (6)

Die „Leidenschaft“ Stadtplanung lässt mich auch hier in Johannesburg nicht los. Und ich „leide“ im wahrsten individuellen Sinne darunter.
Denn:
Nie MUSS ich so viele Stunden im Auto verbringen wie hier. In den knapp 2 Wochen bereits mehr als 2000 Kilometer. It`s stupid city-planning:
Johannesburg – die Stadt, der Großraum:
Sehr junge Geschichte, erste Entwicklungen Mitte des 19 Jahrhunderts als hier Gold gefunden wurde. Ich glaub, Josi ist die einzige Metropole der Welt, die weder am Meer noch an einem Fluss liegt. Heute hat der Großraum ca. 8-10 Mio Einwohner, mit einer absurden Entwicklung. Alle Fans von Mega Shopping Centers und Stadtautobahnen können hier studieren wozu das führt.
Da ist einmal das „alte“ Stadtzentrum, Hochhäuser, in der Apartheidzeit eben US-amerikanische City. Dann freie Wahlen, Kriminalität und das Zentrum wurde „afrikanisch“, viele Weiße meinen zurecht gefährlich.
Darum entstand ca 20 km im Norden mit Sandton ein zweites Stadtzentrum (wir kennen es u.a. vom earth summit) Dazwischen ein riesiger grüner Teppich von Villen und Gärten. Hier leben hinter hohen Mauern, Elektrozaun, „armed response Schildern“ die Weißen. Auf den Strassen gehen nur jene Schwarze, die hier als Gärtner Haushaltshilfe etc. arbeiten.
Und dann die Townships. Im Süden, ca 20 km vom alten Stadtzentrum entfernt liegt Soweto, dort allein leben zwischen 3 und 4 mio Menschen.
Geplant in den 50ern des letzten Jhdts, um „die Schwarzen aus der Stadt rauszubringen“ gibts bis heute dort kaum Arbeitsplätze. Jene die Jobs haben pendeln in die Zentren.
Einziges öffentliches Verkehrsmittel: Toyota Kleinbusse, Minitaxis, statt mit 3 Reihen wie bei uns mit 5 Reihen ausgestattet, dann 4 auf jeder Bank macht 19-20 Personen.
Technischer Zustand: jenseits.
Und das heißt: SA ist nicht nur das Land mit einer der höchsten Kriminalitätsraten der Welt, sondern auch mit der höchsten Todesraten auf den Strassen. Denn wenn so ein Bus schleudert, umkippt, rammt oder gerammt wird (und sie
fahren wie verrückt) sind auf einen Schlag ein Dutzend Tote und mehr zu beklagen. Sonst kaum öffentlicher Verkehr.
Einkaufen?
Ausschließlich in riesigen Einkaufszentren.
„Strassen“ für Flanierer, wie wir sie als DIE urbane Realität kennen gibts kaum. Will ich also Einkaufen, und sei es eine Kleinigkeit: Ab ins Auto.
Und dann Stau Stau Stau.
Immer ärger.
Den der Wohlstand verbreitet sich, langsam aber stetig, und hier gehts ohne Auto nicht (oder sagen wir sehr sehr schwer).
Und die Fehler der Vergengenheit werden fortgesetzt:
Die „gated communities“ für die well offs, weitere townships ohne Arbeitsmöglichkeiten, ohne Zentrenbildung, ohne Freiflächen fressen sich zu Tausenden ins Land.
Jetzt wird EINE U-Bahn vom Flughafen in die Zentren gebaut. Um teures Geld. Das kann nicht funktionieren.
Die Einsicht, dass eine gemischte Struktur angestrebt werden sollte stößt auf Unverständnis.
Sosehr ich Südafrika, die Vitalität, die Musik von Josi und seine Menschen
liebe: So führt man (oder sich?) eine Stadt in ein enorm teures Chaos. Und wenn hier die Benzinpreise (peak-oil, politische Gründe) explodieren bricht das Leben zusammen.
Es lebe das dichte, diverse europäische Stadtmodell und der „Kampf“ gegen jene, die es mit Autobahnen und Mega-Strukturen ruinieren wollen.

4 Gedanken zu “suedafrika (6)

  1. Gemischte Struktur Dass man mit dem städteplanerischen Ansatz der gemischten Struktur in einem Land wie Südafrika auf Unverständnis stösst, wundert mich nicht sehr, denn die „gemischte Struktur“ muss zuerst mal in der Gesellschaft in wenigstens einem gewissen Mass hergestellt werden (Zurückdrängung der Armut, Verbreiterung des Mittelstands). Bis dahin werden die Weissen schon deshalb nicht aus ihren Autos rauszubekommen sein, weil sie ohne diesen Schutz gerade in vielen Gebieten Johannesburgs um ihr Leben bangen müssten… Wer Nähe zu anderen Gesellschaftsschichten meiden will/muss, wird schwerlich für kleinräumig gemischte Strukturen zu begeistern sein. Das heisst, ich denke, die beschriebene Lebensrealität geht weniger auf Planungsfehler, und viel mehr auf die nur mühsam zu überwindende Geschichte (der Apartheid) zurück.

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  2. Das härteste Argument, das ich dazu gehört habe (und nicht spontan widerlegen konnte):
    „Während der Apartheid hat die Stadt funktioniert!“

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  3. Jo’burg – nix Neues?! Ich hab schon länger nicht mehr in diesen Blog geschaut – und siehe, eine neue Themenstrecke! Ich war vor rund 10 Jahren im Rahmen eines mehrmonatigen Praktikums in Jo’burg und habe damals die Stadt fürchten und das Land lieben gelernt.

    Denn Johannesburg ist nicht SA, das Land und die Menschen sind – trotz ihrer Geschichte – faszinierend und wunderbar. Nur Jo’burg ist wahrlich die Hölle auf Erden, offenbar hat sich das keineswegs gebessert. In meiner grenzenlosen Naivität (oder Unbekümmertheit) wollte ich gleich am ersten Wochenende nach meiner Ankunft nach guter Wiener Sitte die Stadt zu Fuß erkunden – na, denkste! Nach kaum zehn Minuten war ich (und ein Freund) von einer Gruppe Jugendlicher mit gezückten Messern umringt und in wenigen Sekunden Geld und Kamera los. – Und da ist es uns noch gut ergangen, wie wir dann hören mussten! Morde für Nichtigkeiten sind die Regel. Bei roten Ampeln muss man immer damit rechnen, dass jemand die Autotür aufreißt und dich herauszerrt und mit dem Auto davonrast!

    Die Konsequenz unseres Erlebnisses war, dass wir von da an auch nicht mehr zu Fuß gingen, sondern brav wie alle – die nicht vollkommen am unteren Ende der Gesellschaftsleiter waren (nicht alle Schwarzen sind gleich!) – jede noch so kleine Distanz mit unserem gerenteten Wreck (das gabs damals schon, die Autos sind vermutlich noch dieselben 😉 zurücklegten.

    Weitere Folgen sind natürlich das Einigeln in Wohn-, Arbeits- und Freizeitghettos der Wohlhabenden. Alles mit überwachter Zufahrt und hohen Mauern und Zäunen. Es war/ist fürchterlich aber aus „überlebenstaktischen“ Gründen nicht anders möglich.

    Parallelen sind am ehesten bei us-amerikanischen Agglomerationen mit den riesigen Suburbs zu finden. Auch dort gibts praktisch keinen öff. Verkehr und müssen alle Strecken vermittels Auto zurückgelegt werden. Wohn- und Arbeitsräume sind ebenfalls weit voneinander getrennt. — Was man daraus lernen kann? Kleinräumige Stadtbezirke fördern bzw. ins Leben rufen. Jede Stadterweiterung (Gasometer oder demnächst Aspern) ist eigentlich ein vollkommender Unfug, da dort alles erst auf der grünen Wiese gebaut werden muss, was es eigentlich schon gibt. — Warum werden von der Gmoa nicht reihenweise Gründerzeithäuser aufgekauft, abgerissen und neue Siedlungen (autofrei wär gut) errichtet?

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