Eliteuni:ein Projekt der Gegenaufklärung

Dieser Artikel vom Philosophen Konrad Paul Liessmann zählt zum Besten, was bisher über „Gugging“ und das ganze Konzept der Eliteuni geschrieben wurde.
Ausnahmsweise ein paar längere Auszüge:

Der Hang zur Elite und zur Etablierungs von Elite-Institutionen hat natürlich seinen plausiblen Kern. Dieser lässt sich, wenn auch leicht verkürzt, in einen einzigen Satz fassen: Nachdem die Universitäten durch die Reformen der vergangenen Jahrzehnte hoffnungslos ruiniert worden sind, müssen sie unter anderem Namen noch einmal erfunden werden. Zumindest ist es auffallend, dass man alles das, was den Universitäten in den letzten Jahren fraglos zugemutet wurde, an den neuen Eliteeinrichtungen gerade nicht haben will. Natürlich werden diese per definitionem keine Massenveranstaltungen sein, und wenn überhaupt noch ausgebildet wird, dann nur solche Nachwuchswissenschaftler, die schon einen akademischen Abschluss vorzuweisen haben und sich durch herausragende Leistungen für eine weitere forschungsorientierte Ausbildung empfehlen. Die Verwaltung soll schlank sein, und selbstredend wird den Eliteforschern all das an Administration, Planungs- und Gremienarbeit, Mitteleinwerbung und Erstellen von Statistiken aller Art, was den Universitätsalltag so unerträglich macht, nicht zugemutet werden können; an den Elitestätten soll gelten, was man den Universitäten als Flausen ausgetrieben hat – dass Forschung vor allem eines braucht: Zeit und Freiheit. Wer immer an einer Universität tätig ist, hat nur eine Sehnsucht: einmal in Ruhe und ohne Zwang und Vorgabe das machen zu können, zu dem er angeblich auch angestellt worden ist – nachdenken, forschen, experimentieren, schreiben. Keine Wunder, dass die Vorworte wissenschaftlicher Veröffentlichusngen voll sind von Danksagungen an jene Institutionen, Kollegs und Einrichtungen, die einen wenigstens für ein paar Monate vom Joch des universitären Alltags befreiten.
Das ganze Ziel- und Leistungsvereinsbarungsunwesen, das an unseren Universitäten seit geraumer Zeit zu beobachten ist und das Erkenntnis als planwirtschaftlichen Vorgang auffasst, soll dort, wo die Elite werkt, natürlich nicht gelten. Zumindest was die Forschung betrifft, wird einiges von dem, was nach der Humboldtschen Idee eine Universität auszeichnet und was jahrzehntelang als unmodern, reaktionär, überholt oder nicht mehr zeitgemäß denunziert wurde, nun also an der Elite-Universität wieder reüssieren. Das muss diejenigen, die solche Verhältnisse wenigstens tendenziell an jeder Universität verankert wissen wollten und dafür als Reformverweigerer gebrandmarkt wurden, dann doch verärgern.
Nachdem die traditionellen Universitäten zu mehr oder weniger berufsqualifizierenden Ausbildungsgängen mit knappen Ressourcen heruntergewirtschaftet wordens sind, rettet sich die halbierte humanistische Universitätsidee in die aus dem neoliberalen Geist des Wettbewerbs geborene Elitekonzeption. Hegel nannte solche Vertracktheit die List der Vernunft. Am Ende werden genau jene drei oder vier Prozent der Studierenden in den Genuss einer fundierten wissenschaftlichen Bildung kommen, die vor den Reformen die damals noch funktionierenden Universitäten auch schon besuchten. Der Rest wird zwar in der Statistik zu Buche schlagen, aber bestenfalls halbwegs gut für einen Beruf qualifiziert sein.
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Doch auch wenn man diese Entwicklung für notwendig hält – warum eigentlich die neue Faszination für den Begriff der Elite? Warum genügt es nicht, das Scheitern der Universitätsreformen einzugestehen und deshalb die Gründung kleiner, aber gut ausgestatteter Institute zu fordern, damit wenigstens eine ungestörte Forschung möglich ist.
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Die neue Liebe zu diesen alten Begriffen speist sich nicht nur aus wissenschafts- oders forschungspolitischen, sondern vor allem aus sozialpolitischen Motiven. Elite kann immer nur als Gemeinschaft gedacht werden – die Gemeinschaft der Auserlesenen. Einmal abgesehen von der Frage, wer nach welchen Kriterien diese Auslese vornimmt, geht es bei Elitenbildung um die Konstitution einer sozialen Einheit, die sich durch eine eigentümliche Differenz gegenüber allen anderen konstituiert: Diese sind nämlich per definitionem einfach die Schlechteren. Den betulichen Versicherungen der Elitenbildner, dass es ja dabei um funktionale Eliten geht, um Leistungseliten, und dass niemand daran denkt, aus der Tatsache wissenschaftlicher Spitzenleistungen soziale Privilegien abzuleiten, ist ein Märchen. Dort, wo es funktionierende Eliteuniversitäten gibt, fungieren diese nicht nur als hervorragende Plätze für Forschung und mitunter auch für Lehre, sondern vor allem auch als Produktions- und Reproduktionsstätten sozialer Zugehörigkeiten, die bei weitem nicht immer mit den intelletuellen Ansprüchen korrelieren, die man an eine Elite stellen möchte. Die Internationalisierung der Wissenschaften ist auch ein weltweiter sozialer Segregationsprozess, in dem sich eine schmale Schicht herauskristallisiert, deren Mitglieder in der Regel nur mehr mit ihresgleichen kommunizieren, sich von ihresgleichen bewerten lassen und mit ihresgleichen durch Rituale, Verbindungen und wechselseitige Hilfestellungen bei aller Konkurrenz eine verschworene Gemeinschaft bilden. Dem wissenschaftlichen Fortschritt sind institutionalisierte Elitenbildungen übrigens nicht sonderlich dienlich: Sie erzeugen einen informellen Druck zur sozialen und intellektuellen Anpassung und sabotieren so gerade jene unorthodoxen und abseitigen Charaktere, ohne die es keine Innovationen gäbe.
Das Konzept der Wissenseliten nimmt den seit der Moderne zum Programm erhobenen exoterischen Charakter der Wissenschaften, ihre Öffentlichkeit und ihren Anspruch, selbst an der Aufklärung mitzuwirken und diese mitzutragen, in einem rasanten Tempo zurück. Eliten sondern sich ab, vorrangig einmal durch die Sprache, die sie verwenden.

Die Rede von wissenschaftlichen Eliten und Exzellenzen signalisiert so nicht nur einen unbedingten Willen zur Leistungssteigerung, sondern auch eine Tendenz zur Abschottung und Ökonomisierung des Wissenschaftsbetriebs. So wie die neuesten Reformen die Universitäten, die bisher noch immer im Wesentlichen von der öffentlichen Hand finanziert werden, als Unternehmen definieren, die einem Aufsichtsrat gegenüber verantwortlich sind, der alles andere als ein Repräsentant der Öffentlichkeit ist, so wird Wissenschaft zunehmend als ein internationales Unternehmen interpretiert, zu dessen Programm die Idee der Bildung des Menschen nicht mehr gehört.
Man kann aus guten Gründen durchaus für solch eine Konzeption sein und für die Rückkehr zu einem aufgeklärten Absolutismus plädieren, der das Volk zwar milden Segnungen des wissenschaftlichen Wissens beglückt, aber von den Zentren und Verfahren dieses Wissens fern hält. Denkbar durchaus, dass solch eine Arbeitsteilung nicht nur den Wissenschaften zugute kommt, sondern auch den Menschen, die nun von allen Ansprüchen, die über berufsqualifizierende Maßnahmen hinausgehen, befreit sind.
Das Mindeste aber wäre, dass man dies klar sagt und dass begriffen wird, dass sich Europa damit von einer europäischen Idee par excellence verabschiedet. Der Bildungsbegriff der Aufklärung war seiner Idee nach prinzipiell offen gedacht, er sollte der Motor der Emanzipation sein, Voraussetzung für den Ausgang des Menschen aus einer wie auch immer verschuldeten Unmündigkeit. Und auch die klassische Organisation von Wissenschaft in einer „Gelehrtenrepublik“ verstand die Universität weniger als Ort der Eliten als vielmehr als Modell für eine durch den Geist gestiftete Gleichheit, das Vorbild sein konnte für die Verfasstheit der Gesellschaft überhaupt.
Das elaborierte Wissen einer Gesellschaft aber programmatisch auf eine auserlesene Schar – nichts anderes meint Elite – zu beschränken ist schlechterdings vormodern und drängt den Wissenschaftler in die Rolle des Priesters. Keine Frage, dass sich manche mit dieser Rolle durchaus anzufreunden vermögen – dem Konzept der Aufklärung sind Position und Gestus des Wissenspriesters allerdings fremd. Die Schwäche Europas in der intellektuellen Auseinandersetzung mit vormodernen Denk- und Lebensformen gründet vielleicht auch darin, dass das Konzept der Wissenselite selbst vormoderne Züge trägt. Es macht sich nicht gut, bei jeder Wertedebatte die Aufklärung als Kern der europäischen Identität zu beschwören und diese gleichzeitig freudig erregt wegen eines vermeintlichen Wettbewerbsvorteils preiszugeben. Man sollte wenigstens zu dem stehen, was man tut. Auch der weltweit agierende neofeudale Kapitalismus und die ihm angeschlossenen Wissenschaften haben es verdient, beim Namen genannt zu werden: Es handelt sich um ein Projekt der Gegenaufklärung.

Ein Gedanke zu “Eliteuni:ein Projekt der Gegenaufklärung

  1. Sehr wohltuende – und wohl wahre Worte. In mir regt sich beim Lesen dennoch das Bedürfnis, die beschriebene Entwicklung nicht nur negativ zu sehen: Die Tendenz zur „Immer-Höher-Bildung“ kleiner Schichten ist auch Nebenwirkung und Ausdruck der Tendenz zur „Immer-Höher-Bildung“ breiter Schichten. Und genau das ist es, was wir in Europa brauchen. Finnland u.a. machens vor.

    Mit anderen Worten: Wenn wir immer breiteren Schichten eine immer höhere und länger andauernde Bildung zuteil werden lassen, dann werden – zwangsläufig- kleine Gruppen noch mehr tun. Diese kleinen Gruppen sind die Vorboten einer wahrscheinlich noch höheren Bildung wiederum breiterer Schichten in der Zukunft.

    Entgegenwirken sollte man natürlich nicht der Höherbildung (weder der Höherbildung für die Breite, noch der Höherbildung für die Spitze – wie „spitze“ diese jeweils ist muss sie ohnehin selbst unter Beweis stellen), sondern entgegenwirken muss man den beschriebenen Abschliessungs- und Ausgrenzungstendenzen solcherart entstehender Spitzen-Gruppen. Siehe die vor kurzem hier präsentierte Grafik über die Signifikanz der Bildungsherkunft für die Bildungszukunft des Einzelnen…

    Was man der derzeitigen österr. Bildungspolitik freilich vorwerfen muss, ist dass sie die Entwicklung eines Spitzeninstituts geradezu als Ersatz für die Höherbildung der breiten Bevölkerung zu verstehen scheint…

    Allerdings, machen wir uns bei allen notwendigen Bemühungen um die Offenheit von Systemen nichts vor: Die Einleitung von echten wissensmässigen Paradigmenwechseln wird auch in Zukunft fast ausschliesslich jenen „unorthodoxen und abseitigen Charakteren“ vorbehalten sein, die sich an keine wie immer geartete Institution anpassen…

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