Globalisierung und die Zukunft der Demokratie

Manchmal ist er m.E. zu verliebt in seine Formulierungskraft, der Philosoph Sloterdijk.
Machmal ist er aber sehr scharf und präzise in seiner Analyse.
So z.B. im Weihnachts-Jahreswechsel-profil.
Dort sagt er u.a.:

Zur aktuellen Globalisierung gehört auch, dass zwei monströse Mitbewerber auf den
Weltmarkt getreten sind, die neuen Tigerstaaten China und Indien. Eine
Wettbewerbslandschaft, die bisher vielleicht 500 Millionen Menschen umspannt
hat, ist wie über Nacht auf eine Zahl von weit über zwei Milliarden
Mitspielern angewachsen. Da werden die Räume dicht, das Endspiel des
fossil-energetischen Zeitalters hat begonnen. Politisch betrachtet leitet die
aktuelle Globalisierung nichts anderes ein als den Siegeszug des autoritären
Kapitalismus.
profil: Sie meinen damit das Gegenstück zu einem liberalen, demokratisch
aufgeklärten Kapitalismus?
Sloterdijk: Der Neoliberalismus wollte bislang auch die Exportmaschine für
Demokratie sein. In Wahrheit exportierte er nur die isolierten Erfolgsrezepte
des Welthandels. Man muss einfach nach Asien schauen: Der
Tigerstaatenkapitalismus präsentiert sich dort als Einheit von politischer
Entwicklungsdiktatur und rasender Kapitaldynamik – nach dem Vorbild Preußens
im 19. und Japans im 20. Jahrhundert. Tiger sind keine besonders
demokratischen Tiere – sie sind immer auf dem Sprung und verhandeln nicht mit
der Beute. Ihre Lektion besteht darin, dass sie die vorgeblich unauflösbare
Einheit zwischen Kapitalismus und Demokratie aufsprengen. Ohne diese Trennung
wäre zum Beispiel das chinesische Experiment unmöglich. Soll man aber glauben,
dass Tiger-Kapitalismus und Demokratie sich irgendwann wieder vereinigen? In
Südkorea ist so etwas tatsächlich eingetreten, als die Militärdiktatur durch
eine Demokratie ersetzt werden konnte, die heute eine liberal-autoritäre
Mischform darstellt.
profil: China trauen Sie einen vergleichbaren Prozess nicht zu?
Sloterdijk: In China wird das nie geschehen, weil das Land auf die
autoritäre Verklammerung angewiesen bleibt. Der Spannungsbogen zwischen der
boomenden kapitalistischen Ökonomie, die maximal ein Drittel der Bevölkerung
integrieren wird, und einer mehrheitlich bitterarmen Landbevölkerung wird auch
künftig so gewaltig sein, dass nur autoritäre Synthesen für Kohärenz sorgen
können. Zudem sind den chinesischen Führungskräften die anarchoiden Tendenzen
ihres Volkes bewusst. Für sie gibt es nur die Wahl zwischen gröberen und
feineren Formen von Diktatur.
profil: Die Zukunft des Kapitalismus liegt Ihrer Ansicht nach also in der
Aushöhlung oder gar Abschaffung des westlich-demokratischen Fundaments?
Sloterdijk: Die Globalisierung ist längst nicht mehr das Exportunternehmen
für Demokratie und Menschenrechte, sondern eher ein Euphemismus für die neue
Erfolgsformel der Trennbarkeit von Demokratie und Kapitalismus. …
profil: Wenn Sie Recht haben, steht in der langen Geschichte der
Globalisierung ein gefährlicher Paradigmenwechsel bevor. Zumindest im Westen
wurde der ökonomische Liberalismus bislang immer durch den politischen
Liberalismus ausbalanciert.
Sloterdijk: Hinter dieser Annahme steht das britische Zivilisationsmodell:
Es beruht auf der Trias aus dem Rationalismus der Aufklärung, dem Verständnis
von Demokratie als Problemlösungsverfahren für aufgeklärte Menschen und der
elanvollen Definition von Kapitalismus als Wohlstandsmotor für Menschen, die
schon Rationalisten und Demokraten sind. Dieses Paradigma wurde 200 Jahre lang
im ganzen Westen eifrig imitiert. Völlig anders in Asien: Lee Kuan Yew, der
langjährige Premierminister von Singapur, der zwischen 1959 und 1990 das
intensivste Experiment eines autoritären Kapitalismus durchführte, hat immer
wieder betont, dass man aus der Dreierkette Rationalismus/
Kapitalismus/Demokratie das letzte Glied entfernen müsse, weil es das System
im Ganzen gefährde und zu einer moralischen Deregulierung der Gesellschaft
führe. Der Liberalismus westlichen Typs basiert auf dem Individualismus, der
den Gemeinsinn zersetzt. Die Asiaten sind überzeugt davon, dass der autoritäre
Holismus der konfuzianischen Tradition der westlichen, liberal-demokratischen,
individualistischen Lebensauffassung bei Weitem überlegen sei. Am Beispiel der
aktuellen Tigerstaaten kann man sehr gut studieren, was auf die westliche Welt
zukommt.

und zu den Unruhen in Frankreich:

Sloterdijk: Ich sehe darin zunächst den eklatanten Misserfolg des
französischen Staates, die zweite Einwanderergeneration in das Modell der
republikanischen Gemeinschaft einzubinden. Frankreich droht im Moment seiner
Basisideologie verlustig zu gehen. Die republikanische Zivilreligion der
Franzosen ist unter dem Druck des konsumistischen Individualismus
zusammengebrochen. Die Republik funktioniert nicht mehr.
profil: Fiel die offizielle Reaktion auf die Unruhen deshalb so autoritär aus?
Sloterdijk: Das war nicht mehr bloß autoritär, das war Hooliganismus an der
Spitze des Staates. Die abgestorbene Republik ist nur mehr eine
Verbraucherschutzorganisation, die sich darauf verlegt hat, die
Konsumruhestörer mit dem Hochdruckreiniger wegzuspülen. Offenkundig hat
niemand mehr eine operable Vorstellung von einer republikanischen Integration.
Das Leben unter solchen Voraussetzungen ist für zahllose junge Leute das
Ticket in die Misere.

über einen autoritären Kapital.ismus:

profil: Um bei der Metapher des Rückwegs zu bleiben: Erwarten Sie für den
Westen eine schleichende Anpassung an die Standards des autoritären
Kapitalismus nach asiatischem Vorbild?
Sloterdijk: Das geschieht bereits. Meiner Meinung nach ist der Terrorismus,
den die westlichen Regierungen und Medien zur Weltgefahr Nummer eins
hochstilisieren, der Dreh- und Angelpunkt einer endogenen Wende zum
autoritären Syndrom.
profil: Weil der liberale Kapitalismus immer noch einen stichhaltigen
Vorwand braucht, um sich autoritäre Züge geben zu dürfen?
Sloterdijk: Es gab in Europa vergangenes Jahr knapp 30.000 Verkehrstote und
weniger als 500 Opfer terroristischer Aktivitäten. In der öffentlichen
Wahrnehmung werden solche Größen systematisch verzerrt dargestellt, weil das
Interesse an neo-autoritären Vorwänden so intensiv ist. Anders kann man die
frenetische Überinterpretation der terroristischen Bedrohung nicht erklären.
Die Hysterie wird dort am stärksten manifest, wo die westliche Zivilisation am
offensten die Flucht in die autoritäre Kehre antritt. Man muss bloß die USA
und Großbritannien betrachten: Die Träger des weltweit wirksamsten
Liberalitätsmodells verfallen seit Jahren progressiv in eine neo-autoritäre
Autohypnose. Sie haben die Parole ausgegeben, dass der Konsum heute
patriotische Pflicht sei. Politisch gesehen ist der Terrorismus das
Trojanische Pferd des autoritären Kapitalismus.

das ganze Interview profil-slot (doc)

Ein Gedanke zu “Globalisierung und die Zukunft der Demokratie

  1. Propheten hinterlassen mich grundsätzlich zutiefst skeptisch – und Sloterdijk tritt hier mit den typischen Attributen eines – kulturpessimistischen – Propheten auf: Er ist sich unheimlich sicher, was die Zukunft anbelangt, vermag diese Sicherheit wortgewaltig zu verkaufen und transportiert Botschaften, welche geeignet sind, beim Zuhörer Angst auszulösen.

    Wenn wir in die Geschichte blicken, dann haben Propheten sicher ab und an auch mal „recht“ behalten, meistens lagen sie jedoch fatal daneben, ob im religiösen, im esoterischen oder politischen Bereich, ob Nostradamus, die Zeugen Jehovas, Marx oder der Club of Rome.

    Wir sollten solche Dinge aber mit Interesse lesen, denn die Analysen der Propheten – und so auch jene Sloterdijks – enthalten immer wichtige Beobachtungen, welche real sind oder sein könnten, und welche also wert sind, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Wir sollten sie aber gleichzeitig mit der Gelassenheit jener lesen, die wissen, dass die Geschichte keinen Gesetzmässigkeiten unterliegt, dass die Zukunft offen ist und dass wir selbst es sind, die sie massgeblich beeinflussen.

    Denn eine wirkliche Gefahr liegt darin, dass wir Propheten vertrauen anstelle unserem eigenen Verstand, unserer eigenen Intuition, unserem eigenen Gewissen. Denn genau DAS war immer wieder der Weg in autoritär geprägte Systeme…

    Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.