GESCHWISTA – Ein konzertierter Großangriff auf den öffentlichen (Albt-)raum

Kommentar von Markus Tripolt, vol:vox kommunikation
vol:vox betreut den Bereich „Kommunikation im öffentlichen Raum“ im Rahmen der Wahlkampagne 2005 der Wiener Grünen

Drei Fragen sollten sich für Wiener BürgerInnen im Zusammenhang mit Außenwerbung aufdrängen: Wem gehört, was wir sehen? Wer verdient daran? Und – ist es nicht endlich an der Zeit sich zu wehren!?
Werbung im öffentlichen Raum leistet einen Beitrag zur Urbanisierung und schafft modernes städtischen Lebensgefühl. Im besten Fall macht Außenwerbung Licht, sie informiert und bildet „Landmarks“.
Betrachten wir das Allgemeingut „öffentlicher Raum“ jedoch als begrenzte Ressource erfordert seine Bewirtschaftung den gleichen Anspruch auf Nachhaltigkeit wie er sich bei Wasser, Luft und Rohstoffvorkommen im allgemeinen mittlerweile wenigstens theoretisch als sinnvoll durchgesetzt hat. Wer mit offenen Augen durch Wien geht, weiß aber, dass im „out of home“- Bereich ein vertretbares Maß längst überschritten wurde.

zu den Bilderläuterungen
Ein ur-grünes Thema also, gut aufbereitet für den kommenden Wahlkampf.
Seinen direkten Lebensraum – die Stadt – kann niemand wegklicken oder abdrehen. Wer hier Botschaften platziert, verdichtet und penetriert, weiß, dass sie unweigerlich ankommen.
Wem gehört also der Wiener öffentliche Raum? Und wer verdient an seiner kommerziellen Ausbeutung? In Wien, der Stadt mit der höchsten Außenwerbedichte Europas , ist es der Französische Werbekonzern JCDecaux. Kann sich jemand die berechtigte Empörung und den medialen Trommelwirbel umgemünzt auf den fiktiven Ausverkauf des Wiener Wassers an Frankreich vorstellen?

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Eine Hand wäscht die andere – beide werden schmutzig
Der französische Medienmulti hatte in Wien natürlich seine Erfüllungsgenossen, denn ohne die Umgehung der grundsätzlichsten Baurecht-, Stadtbild- und Verkehrssicherheitsstandards wäre ein Aufstellen von mittlerweile über 400 Rolling Boards wohl nicht möglich gewesen. Kein anderes Unternehmen als die aus einer Magistratsabteilung entsprungene und daher mit besten Kontakten zur Stadtregierung ausgestattete Gewista hätte die als „temporäre Werbeflächen“ gewidmeten Werbeanlagen in solch einer Dichte platzieren können. Ein, in einer absolut regierten Stadt leider wirkungsloser Kontrollamtsbericht, hält die beispiellosen Verfahrensmängel detailliert fest.
Die Auswirkung auf die Situation der ohnehin in schwere Bedrängnis geratenen Wiener Nahversorgungsbetriebe ist katastrophal. Was sollen Wiener Klein- und Mittelbetriebe den Werbebudgets global agierender Weltkonzerne entgegenhalten, deren Flagshipstores sich maximal auf der Mariahilferstraße, in der Regel aber in den Einkaufszentren und Outlets außerhalb der Stadt befinden?
WIEN IST AUSSEN & WERBUNG
Die Gewista, die keine Miete für die zur Verfügung gestellten Flächen zu bezahlen hat, streut den WienerInnen zusätzlich Sand in die Augen: Stadtmöblierung heißt das Zauberwort, mit dem der Ausßnwerbemonopolist Investitionen, für die eigentlich die öffentliche Hand zuständig wäre, übernimmt und im Gegenzug dafür sorgt, dass auch die letzten Winkel und werbefreien Nischen Wiens kommerziell verwertbar werden. BürgerInnen und Geschäftsleute sollen also noch „Danke“ sagen, wenn neben neuen Werbestellen, deren Buchung sie sich selbst niemals leisten können, auch noch ein Bankerl errichtet wird. Oder, wenn als Dauerwerbefläche konzipierte Lärmschutzwände, den Blick aus dem Fenster verstellen.


Von der versprochenen Werbereduktion im Verhältnis 1:10 (für jedes neue Rolling Board verschwinden 10 alte Plakatwerbeflächen) ist erwartungsgemäß außer ihrer Ankündigung und einem „hämischen Lachen hinter vorgehaltener Hand“ nichts geblieben.

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Im Gegenteil. Dauerpenetration ist angesagt und nicht nur Wien verharrt weiter in Duldungsstarre! Die Gewista nützt diese allgemeine Wehrlosigkeit und dehnt in atemberaubendem Tempo ihre Aktivitäten in Sachen Rolling Board auf das gesamte Bundesgebiet aus. Ausverkauf also nicht nur im roten Wien. In Kärnten beispielsweise werden laut Gewista „die Werbeflächen dem Land Kärnten kostenlos für Informationskampagnen zur Verfügung gestellt“. Ein Schelm wer böses dabei denkt. Villach, St. Pölten, Graz, , Linz, Salzburg, Bregenz wurden vom Rolling Board bereits erfasst, bis Jahresende steht laut Gewista Website das gesamte Bundesgebiet zur Buchung zur Verfügung.
WERBELAWINE
„Ich möchte die Rolling Boards frühestens 14 Tage vor ihrer Inbetriebnahme öffentlich diskutiert wissen“ gab sich Gewista-General Karl Javurek in einer Stellungnahme im Jänner 2004 gegenüber dem Standard verschlossen.

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copyrights: stefan olah und julia mueller
Es ist bitter zu beobachten, das diese Diskussion bis heute ansteht. Ein Wahlkampf, mit der zu erwartenden Werbeflut der wahlwerbenden Partein, böte den geeigneten Rahmen eine solche Diskussion nachzuholen.
Diese ist damit eröffnet!
Markus Tripolt

10 Gedanken zu “GESCHWISTA – Ein konzertierter Großangriff auf den öffentlichen (Albt-)raum

  1. Zwangsbeglückung Weil es Herbert Hufnagl letztes Jahr im Kurier so schön auf den Punkt gebracht hat, möchte ich ihn an dieser Stelle ausführlich zitieren:

    „Manchmal treten die Aushecker der Bundeshauptstadt in einer Doppelrolle auf – sie sind dann auch Zwangsbeglücker. (…)
    Seit einigen Wochen wachsen an den Rändern der großen Durchzugsstraßen gewaltige Stahlsäulen aus der Erde, als solide Fundamente für hell leuchtende Bildschirme in der Größe von sieben Quadratmetern. Auf ihnen darf sich die Werbewirtschaft austoben (…)
    Dementsprechend faszinierend sind die rollenden Bilder. Eine erstrebenswerte (weil nicht sehr ablenkende) Qualität im Sinne der Verkehrssicherheit. Die Einbetonierung von 400 Stück dieser Monster auf Stelzen wurde fürs Erste vom Gemeinderat genehmigt, aber die Betreiber (Gewista) schielen nach mehr. Sie hatten immerhin 2700 beantragt.
    Von Stadtverschandelung wollen die Rathäusler nichts hören, und so haben sie die Auflage erteilt, die Innenstadt, Schutzzonen und Gebiete, die unter das Weltkulturerbe fallen, für die laut Gewista-Chef „hocheleganten“ Werbeträger zu sperren.
    Ein Meisterstück der Absurdität. Die Bürger müssen somit nicht mehr herumrätseln, an welchen Standplätzen die Aufstellung von Rolling Boards in die Kategorie „Auch schon Wurscht!“ fällt.“ (Quelle: Kurier vom 19.5.04)

    mfg
    Peter Martini
    (wohnhaft in einer „eh scho wurscht“-Zone)

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  2. „Lizenz zum Gelddrucken“ Auch ich bin entsetzt darüber, wie brutal in den letzten Jahren das Stadtbild als im Interesse großer Konzerne missbraucht wird.
    Obwohl es den einen oder anderen Aufschrei seitens der Grünen gegeben hat, ich erinnere mich z.B. an scharfe Kritik von Günter kenesei in Zusammenhang mit dem Kontrollamtsbericht, wird dieser machtpolitische Skandal leider viel zu deffensiv behandelt.

    Kenesei hat die Sonderrechte derGewista einmal als „Lizenz zum Gelddrucken“ bezeichnet (was sagt er eigentlich heute?)
    von anderen Grünen hab ich leider keinen Widerstand vernommen, dabei glaube ich, dass das Thema grosses Potential hätte.

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  3. Wien-Fan Diese geschwürartig aus dem Boden wachsenden, monströsen und dabei so primitven Rolltafeln (auf – ab – auf -ab…) sind eine einzige Provokation für die Bewohner dieser Stadt. Ich hoffe, die Grünen nehmen die von ihnen erwartete Kontrollfunktion wahr und machen machen diesen Skandal zum thema.

    à propos….. Wien verkommt immer mehr zum Rummelplatz. Kein Tag ohne „Event“ – da marschieren die Deutschmeister, am heldenplatz wird geschunkelt, auf der Insel gesoffen, am Stephansplatz getanzt…. ich verstehe die Verneigung vor dem Tourismus – aber bitte alles mit Mass und Ziel! Ein Lob dem MQ, das sich noch halbwegs heraushält und trotzdem viel Publikum anzieht, Stadtbewohner und Gäste, die sich viellcieht auch einmal eine halbe Stunde selbst unterhalten können. Wien war einmal eine elegante Weltstadt mit echter Urbanität…..

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  4. Stadt zurückerobern Ich würde es SEHR begrüßen, wenn die Grünen, diesen Vorschlag aufgreifen.
    Mich kotzt es an von (neuerdings bewegten) Werbeflächen eingemauert zu werden.
    Außerdem gäbe es da gute Möglichkeiten der Persiflage und Anti-Werbung. Ein wunderbarer
    Ideenspender ist seit Jahren und immer noch http://www.adbusters.org

    lg

    Roman Kellner
    Greenpeace

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  5. boards nach baustellen zum thema spriesen… die boards spriesen vor allem dort wo eben noch gebaut oder umgebaut wurde, inmitten der kräne und betonmischer kaum wahrnehmbar bleiben sie dann als relikte, die eigentliche installation unbemerkt.

    aktuelles beispiel lobkow.brücke u4 meidling

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  6. verschmutzung einmal anders! -gut gebrüllt löwe! aus dieser packenden darstellung heraus, wäre es nun eigentlich eine aufgabe für die grünen, diese „ästhetische umweltverschmutzung“ zu thematisieren. und als eine -und nicht die geringste- form von umweltzerstörung anzusehen. und nebenbei, hätten die grünen gleich ein gut passendes wahlkamfthema. und fürchtet euch nicht: ein echtes wahlkampfthema (neben der wahlkampf-pr-formel „grüner spaß“) wird der wähler wohl nicht übel nehmen…

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  7. Was im Zusammenhang des öffentlichen Wirkens der „Geschwista“ (die Wortschöpfung halte ich für genial) unbedingt
    erwähnt werden muß, ist die Situation der Sprayer. Ich kann mich noch gut erinnern, als vor einigen Jahren jungen Menschen der Existenzgefährdente Prozess gemacht wurde (es ging um hunderttausende Schilling Rückzahlung), weil Sie mit Ihrer Kunst im öffentlichen Raum aufgetreten sind. Diese Leute hat man weitgehend abgewürgt. Heute findet Kunst gleich direkt an den Rollingboards statt, weil sich Institutionen wie „museum in progress“ als Feigenblätter einkaufen lassen….

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  8. Häpl hängt mit seinem Goder in der Abrollautomatik eines Rollingboards… Ab heute lacht uns der Oberverantwortliche (Häpl heißt er neuerdings) für diese stadtgestalterische Katastrophe persönlich von den
    Rollingboards an. Wenn e sich nur nicht mit seinem Goder in der Abrollautomatik verheddert…!

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  9. ist dieser tripolt nicht der typ der vor jahren ein riesiges haschischbild in der schönbrunnerstraße gemalt hat? na der hats notwendig…

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  10. wieviel öffentlichkeit braucht raum? ein zwischenruf… (c) http://www.cityofsaopaulo.com/
    Sao Paolo (pte/12.12.2006/13:49) – Die größte südamerikanische Stadt Sao Paolo hat ein Gesetz erlassen, das jegliche Außenwerbung verbietet. Dies ist nicht der erste Versuch der Stadtverwaltung die überbordenden Leuchtreklamen, Billboards, Plakate und Laufschriften in den Griff zu bekommen, die das Stadtbild prägen. Allerdings haben sich die meisten Werber nicht an die gesetzlichen Beschränkungen gehalten. Daher beschloss Sao Paolos Stadtverwaltung zu einer radikalen Maßnahme. Dieses Gesetz sei ein seltener Sieg öffentlichen Interesses über das Private, von Ordnung über das Chaos, der Ästhetik über die Hässlichkeit, von Sauberkeit über Müll, triumphiert Roberto Pompeu de Toledo, Sao Paolos Stadtchronist, im brasilianischen Wochenmagazin Veja. Die Werbewirtschaft wettert gegen das Gesetz.

    Die freie Meinungsäußerung würde verboten, Arbeitsplätze geopfert und die Sicherheit auf den Straßen durch die dann fehlende Beleuchtung aufs Spiel gesetzt werden, argumentieren die Werber. „Dieses radikale Gesetz verstößt gegen die Regeln einer Marktwirtschaft“, empört sich Marcel Solimeo, Chef-Ökonom des Werbeverbands, der 32.000 Mitglieder umfasst. „Das ist wie New York ohne den Times Square oder Tokio ohne Ginza“, so Solimeo weiter. Das Gesetz, das ab 1. Januar in Kraft tritt reguliert haargenau die Größe von Ladenschildern und verbannt auch Werbung auf Bussen und Taxis. Bis zu 4.500 Dollar müssen Gesetzesübertreter zahlen.

    Sao Paolo verbannt Werbung aus der Stadt
    Bevölkerung froh – Werbewirtschaft klagt

    (c) http://www.cityofsaopaulo.com/

    Die Werbewirtschaft gibt zu, dass der Großteil der geschätzten 13.000
    Außenwerbeflächen in der elf Mio. Stadt illegal ist, fühlt sich dennoch als Sündenbock. Die Bevölkerung begrüßt das Gesetz und kann die Empörung unter den Werbefachleuten kaum nachvollziehen. „Die Wahrheit ist, hier sind so viele Banner, Billboards, Plakate, Zeichen und Poster verteilt, dass sie ihre Wirkung verloren haben und ich sie kaum beachte. Was ist der Sinn für den Hersteller, für die Bewerbung eines Produktes zu bezahlen, wenn es nicht mehr als meine Sicht versperrt und mich verwirrt?“, fragt Livia Okamoto, Zahntechnikerin, in der New York Times. Städteplaner, Architekten und Umweltschützer feiern das Gesetz, das Sao Paolo dem Ideal einer urbanen Utopie näher bringt. „Wir zielen auf eine komplette Veränderung der Kultur“, sagt Roberto Pompeu de Toledo, Vorsitzender des Stadtrats.

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