„…neu über die Dinge nachdenken“

Der Titel dieser Rubrik heißt „Kontroverse“. Insofern können nicht nur, sondern sollen Beiträge von Gastautoren provozieren, Widerspruch auslösen, jedenfalls aber zum Nachdenken und zum Diskurs anregen. In diesem Sinne freue ich mich, dass Wolfgang Hagmann, Geschäftsführer der Werbeagentur freude, die derzeit die Kampagne der Wiener Grünen betreut, meiner Einladung gefolgt ist, einen Beitrag zu verfassen.
Wolfgang Hagmann, Geschäftsführer von freude
Senke die Steuern für Reiche. Dann hast du mehr Geld für Arme.
Neulich im Fernsehen: Dokumentation über einen Schweizer Kanton: Schaffhausen ist nicht besonders reich, nicht besonders schön, nicht besonders beliebt. Also ist das Leben in
Schaffhausen nicht besonders toll. Das war es zumindest: Denn seit einiger Zeit gibt es mehr Kindergärtenplätze, mehr Lehrerinnen und Lehrer, mehr soziale Unterstützung für Bedürftige.
Und: Es gibt mehr Reiche. Dahinter steckt eine neue politische Idee: Man ködert Bestverdiener mit besonderen Steuervorteilen, sich in der Stadt anzusiedeln. Damit steigt das Steueraufkommen insgesamt. Und dieses zusätzliche Steuergeld steckt man in soziale Einrichtungen. Außerdem:
Die soziale Kluft zwischen Arm und Reich existiert plötzlich nicht mehr. Die Armen sind froh, dass es viele Reiche für mehr soziale Einrichtungen gibt, und die Reichen freuen sich über Steuervorteile und wahrscheinlich auch darüber, dass mit ihren Steuern sinnvolle Dinge bezahlt werden.
Jetzt werden viele aufjaulen. Frechheit! Präpotenter Umgang mit sozial Schwächeren etc. etc.
Aber: Kann man gegen so ein Modell, das für alle Beteiligten funktioniert, etwas haben?
Was ich damit kommunizieren will: Auch Wien braucht neue und spannende Ideen statt immer dasselbe Fahrwasser. Wie kommt man dazu? Indem man neu über Dinge nachdenkt, alte Denkmuster und Vorurteile beerdigt, offen und mutig an die Dinge herangeht. Das erwarte ich von Politikern an sich, unabhängig von der Farbe.
Wolfgang Hagmann ist Geschäftsführer der Werbeagentur Freude.

6 Gedanken zu “„…neu über die Dinge nachdenken“

  1. Reagan hats auch schon versucht Ja, es ist gut, über neue Dinge nachzudenken, ob man alte Denkmuster beerdigen soll, hängt davon ab, ob die „neuen“ besser sind.
    Und es ist auch gut, provokante Titel („Steuersenkung für Reiche“) zu wählen, das bringt Pfeffer in die Diskussion:
    Zur Sache:
    Der alte Ronald Reagan hat`s auch schon propagiert und viele versuchen sich immer am selben Muster: „Steuersenkung schafft Wachstum und finanziert sich deswegen von selbst“
    Empirisch ist der Beweis noch nie gelungen.
    Die Gründe liegen auf der Hand:
    Das ökonomische Problem Österreichs (und ebenso Deutschlands) liegt schlicht darin, dass ein wachsender Teil des Einkommens gespart wird und dem Inlandskonsum fehlt.
    Wer genau hinschaut sieht auch wer spart: Je höher das Einkommen, desto höher die Sparquote (nona), den „unteren Eimkommenschichten“ bleibt nichts zum Sparen über. Insofern wäre die oben vorgeschlagene Massnahme kontraproduktiv.
    Ausserdem: Wenn wir in Österreich bessere Universitäten und Schulen, sowie mehr Geld für Forschung und Kinderbetreuung ausgeben möchten , dann muss das irgendwo herkommen, und das können sich die „better offs“ allemal besser leisten, als jene, die ohnehin schon am Hungertuch nagen.
    Ausser die gesamte Idee der flat-tax hat das Ziel (und diesen Eindruck habe ich oft), dass es darum geht, den Staat (das Gemeinsame) in seiner Gesamtheit deutlich zurückzuschrauben; dieses Ziel halte ich für völlig falsch, und wer dieser Tage in die Südstaaten der USA schaut, sieht, was bei einer „Kastration des Staatlichen“ herauskommt.

    Trotzdem seh ich die von Wolfgang Hagmann angerissene Debatte nicht nur kritisch: Um „Wertschöpfung“ zu ermöglichen, Betriebsgrünungen wie Betriebserweiterungen zu unterstützen, sind Anzeize, auch steuerlicher Art wichtig.
    Ich halte es z.B. für absurd, dass alle, die sich in Österreich selbstständig gemacht haben, Geld investiert haben, Kredite aufgenommen haben, und bereit sind Risiko zu übernehmen, als erstes „vom Staat“ bevor ein erster Cent verdient ist, bereits eine geschmalzene Einkommessteuer- Vorauszahlung berappen dürfen.
    Manche skandinavische Länder gehen da einen interessanten Weg. Sie besteuern zwar hoch, aber v.a. im Bereich der Lohn- und Einkommenssteuer, viel weniger jedoch bei Betrieben, um neue Investitionen zu begünstigen.
    Das sollten wir uns einmal genauer anschauen.

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  2. Beggar-thy-neighbour Wenn das wirklich so läuft wie hiervon Wolfgang Hagmann beschrieben, so ist das in der Gesamtbetrachtung noch schlechter als ein Nullsummenspiel, denn die Reichen, die sich jetzt aus einem anderen Kanton nach Schaffhausen „ummelden“, reißen in ihrem Herkunftskanton ein Budgetloch, das aufgrund des höheren Steuersatzes größer ist als das, was Schaffhausen einnimmt. Und innerhalb der kleinteiligen Schweiz fällt die Mobilität sehr leicht.

    Da ist Steuerwettbewerb zwischen Nationalstaaten noch verhältnismäßig positiver zu sehen. Wenn z.B. die Slowakei auf der Grundlage demokratischer Entscheidungen versucht, ihre Wirtschaft mit radikaler Liberalisierung zu dynamisieren, und dabei trotz niedriger Steuern das Budget im Griff behält, so erzeugt das innerhalb der EU Diversität und einen Wettbewerb um politische Konzepte, den ich unter den Bedingungen der realpolitischen Unmöglichkeit EU-weiter Harmonisierung sogar für befruchtend halte. Obwohl Harmonisierung in manchen Aspekten der Steuerpolitik ein Ziel bleiben sollte. (Mittel aus den EU-Strukturfonds sollten angesichts der Wohlstandsunterschiede in der EU selbstverständlich sein und haben m.E. mit diesem politischen Wettbewerb nichts zu tun).

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  3. das schaut dem werbefuzzi aber ähnlich. sitzt zu lange vor der glotze und verarbeitet sein
    schädelweh am nächsten zum politischen statement. abgesehen vom schlechten schreibstil
    beweist herr hagmann, dass er es nicht gewohnt ist dinge zu ende zu denken. eine
    fähigkeit, die in seiner branche leider immer weniger gefragt ist (was den erfolg
    von „freude“ erst erklärbar macht).

    wer glaubt, dass gesellschaftliche gerechtigkeit über steuerdumping zu erzielen ist, ist
    entweder zynisch oder dumm. wahrscheinlich aber beides!

    wirklich notwendig wäre die vereinheitlichung von steuersätzen innerhalb der EU,
    und die entwicklung eines europäisches selbstbewustseins, gegenüber dem
    amerikanischen system. dazu könnte die kommunikationsbranche tatsächlich einiges
    beitragen, allerdings brauchts dazu auch ein fundierteres weltbild ,als dass eines herrn hagmann.

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  4. trittbrettfahren ist keine lösung. (das sollte jemand mal auch gibraltar, luxemburg, monaco, der schweiz und liechtenstein verraten. bzw. der EU, die solche modelle eigentlich verhindern sollte.)

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  5. Ob das inhaltlich stimmt, kann ich nicht leicht überprüfen. Ich gehe einmal davon aus, dass uns Wolfgang nicht anlügt und denke mir:

    Was Wolfgang hier fordert macht Österreich bereits zum Teil. Die von mir keineswegs geschätzte Person, die manchmal auch den Finanzminister gibt hat eine Reihe von Steuererleichterungen für Personen geschaffen, die über eine große Menge an Finanzmitteln verfügt und sich in Österreich ansiedeln möchte. Sehr zum Leidwesen der Deutschen zB. Das bedeutet, dass wir in großem Maß deutsche und andere v.a. europäische AusländerInnen mit ihrem Geld nach Österreich holen und sie hier Steuer zahlen. Die Einnahmen, die Österreich lukriert sind allerdings mit einem guten Steuerberater noch zu reduzieren. Aber alles in allem bekommen wir dadurch Geld. Offensichtlich ist es aber nicht genug, um wieder ein Nullbudget zu schaffen das bedeutet, dass es scheinbar auch noch andere Wege geben muss, um an Geld zu kommen.

    Was mir allerdings das schwerwiegendste Gegenargument zu sein scheint ist, dass die USA in großem Stil vorhüpfen, dass steuerliche Erleichterungen für Superreiche keineswegs zu einem Wohlfahrtsstaat führen. Es gibt wohl kaum eine andere Nation auf dieser Erde, auf der Reiche noch begünstigter sind, als über dem großen Teich und trotzdem gibt es massenhaft Arme, Ungebildete und Kranke, die sich ihre Gesundheit nicht leisten können. Es scheint also zu all diesen Forderungen auch noch etwas dazu zu kommen, was momentan sehr verpönt ist: Soziale Sicherheit. Die war bis vor kurzem in Österreich besser und ich sehe nicht, wo die neokonservative Regierung es geschafft hat, diese noch weiter zu stärken. Seit 2000 hat es eine Menge an Steuerzuckerln für Unternehmen und Reiche gegeben. Gleichzeitig weht der antisoziale Wind so rau wie noch nie – oder zumindest lange nicht mehr. Freundlichkeit gegenüber den Reichen ist zwar sicher nicht schlecht, aber noch nicht genug, um wirkliche Verbesserungen zu finanzieren.

    Herzlichst

    DMR

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  6. Weder neu noch mutig sondern: Bullshit! Vor Reagan gabs das schon wo anders: Chile 1973 …

    Offenbar ist der Glaube ans „Perpetuum Mobile“, an den „Esel streck dich“,
    an das Piloten- oder Pyramidenspiel nicht auszurotten.

    Noch nix vom 2. Hauptsatz der Thermodynamik gehört ?

    Auch wenn es lokal zu funktionieren scheint: Es liegt an der Nichtabgeschlossenheit
    des betrachteten Systems, dass es so aussieht, als ob.
    Für die nicht naturwissenschaftlich gebildeten: Es funktioniert nicht, wenn es alle tun würden.

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